ZEIT online: Ist die Niederlage von Chávez eine Überraschung?

Bert Hoffmann: Nein, sie kommt nicht überraschend. Die Umfragen sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. Auch wenn es von beiden Seiten so dargestellt wurde: Das Referendum war keine Abstimmung über Chávez – es ging um die Frage, ob seine „bolivarische Revolution“ per Verfassungsreform beschleunigt und vertieft werden sollte, einschließlich der Möglichkeit einer unbegrenzten Wiederwahl des Präsidenten.

ZEIT online: Kann man sagen, dass Venezuela sich verändert hat – anders gesagt, ist das Land weniger Chávez-freundlich?

Bert Hoffmann: Die Veränderungen sind möglicherweise geringer, als sie scheinen. Die vorherige Wahl ergab 60 Prozent Zustimmung für Chávez und 40 Prozent Gegenstimmen. Jetzt ist das Verhältnis grob 50 zu 50, doch es gab eine relativ hohe Wahlenthaltung. Es spricht einiges dafür, dass ein erheblicher Teil der Chávez-Befürworter gar nicht gewählt hat. Die Stimmung in der Bevölkerung ist insofern vielleicht gar nicht so sehr gekippt: Ein Teil der Chávez-Wähler hat sich diesmal schlicht enthalten, um zu signalisieren, dass die von Chávez angestrebte Verfassungsreform ihnen zu weit gegangen ist. Es ist eine plausible Annahme, dass diese Enthaltungen reichen, um den Verlust von zehn Prozentpunkten im Vergleich zur letzten Wahl zu erklären.

ZEIT online: Hat sich die Wirkung von Chávez’ anti-amerikanischer Rhetorik erschöpft?

Bert Hoffmann: Seine Gesten gegen die USA bringen ihm offenbar keine zusätzlichen Stimmen mehr, auch nicht Zwischenfälle wie jener mit dem spanischen König. Die Wählerschicht, die darauf anspringt, ist ausgeschöpft. Dennoch würde ich das Wahlergebnis nicht überbewerten. Chávez’ Botschaft fand bei der vorhergehenden Wahl bei 60 Prozent der Bevölkerung Zustimmung, jetzt auch noch bei fast 50 Prozent – das ist immer noch hoch. Und die knappe Mehrheit, die gegen die Verfassungsänderung gestimmt hat, hat nicht automatisch für die USA gestimmt. Chávez’ „bolivarische Revolution“ ist nicht am Ende - aber sie hat ihre Aura der vermeintlich bedingungslosen Unterstützung aus dem Volk verloren. Chávez wird sich nun vermutlich ein Stück weit pragmatischer verhalten.