Die Anzeige stand von Anfang an auf schwachen Füßen. Die Politikerin hattte sich nicht mal entschieden, wen sie denn genau anzeigen will - wer für die Wikipedia-Inhalte verantwortlich ist, könnten ja die Ermittlungsbehörden ermitteln. Auch in der Frage, welche Inhalte von Wikipedia konkret gegen geltendes Gesetz verstoßen, bleibt die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, Katina Schubert, relativ vage. Ihr selbst und Kollegen sei die hohe Anzahl von Nazi-Emblemen in der Wikipedia aufgefallen.

Unter der Überschrift "Nazis raus aus Wikipedia" erhebt Schubert schwere Vorwürfe. Die Wikipedia sei wegen ihrer offenen Struktur ein Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien.

Als Beispiel nennt sie den Artikel über die Hitlerjugend, der ihr und ihren Kollegen besonders negativ aufgefallen sei. "Es kann und darf nicht sein, dass Einträge aus NS-Quellen zitieren und weit über das, rechtlich geschützte, Maß an Aufklärung hinaus Materialien und Kennzeichen verfassungsfeindlicher und verbotener Organisationen Verwendung finden", sagt Schubert.

Schaut man sich den Artikel heute an, kann man die Aufregung der Politikerin nicht nachvollziehen. Die Flagge der Hitler-Jugend ist in dem Artikel zu sehen, am Ende des Artikels ein einsames Abzeichen eines HJ-Sanitäters. "Für uns gehören neutrale Artikel über die NSDAP und ähnliche Organisationen in eine Enzyklopädie. Dazu gehört natürlich auch das Logo der betreffenden Organisation." In der Hinsicht unterscheide sich Wikipedia nicht von anderen Enzyklopädien.

Aber tatsächlich hat Schubert nicht unrecht, einige Wikipedia-Autoren waren über dieses Ziel  hinausgeschossen. Sieht man sich die Version des Artikels von vergangener Woche an, findet man im Artikel 12 Bilder, darunter sämtliche HJ-Rangabzeichen, eine Siegrune auf schwarzem Grund, eine Erinnerungsplakette an ein HJ-Zeltlager 1936 und eine Landkarte des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1938. Dass nicht alles davon der Dokumentation des Zeitgeschehens diente, sahen auch Wikipedia-Autoren ein, die durch den politischen Wirbel aufgeschreckt worden waren. Sie löschten die bedenkliche Bilderschwemme und leiteten eine qualitative Überarbeitung des ganzen Artikels ein.

Hat die Wikipedia also ein Problem mit rechtslastigen Inhalten? Der Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland bestreitet dies. Zwar gebe es Rechtsradikale, die versuchten die Inhalte in der Wikipedia zu beeinflussen - für die ehrenamtlichen Autoren und Administratoren der Wikipedia ist das jedoch Alltagsgeschäft. So vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine Gruppe dazu aufruft, die Wikipedia zu verändern, ob es nun politische Extremisten, Katholiken oder Scientologen sind. "Mit Artikel wie dem über Holocaust-Leugnung zeigen die Wikipedia-Autoren sehr eindrucksvoll, dass sie sehr wohl in der Lage sind, neutral und aufklärend mit extremistischen Ideologien umzugehen."