Auf der Suche nach der verlorenen Zeit fand sich Don Morrison unversehens auf einem Friedhof wieder. Der Amerikaner macht in Paris seither Schlagzeilen. Denn das Ergebnis seiner Suche zierte die Europa-Ausgabe des US-Magazins Time wie ein Epitaph: "The Death of French Culture" stand dort zu lesen, der dazugehörige Artikel gerät zum Nachruf aus der Feder oder aus dem Laptop eines enttäuschten Liebhabers.

Die französischen Feuilletons reagierten eher pikiert denn amüsiert. Der ehemalige Kulturminister Maurice Druon, mit 89 Jahren als Mitglied der Académie française ein "Unsterblicher",  schimpfte im Figaro über "das antifranzösische Fieber, das die Vereinigten Staaten alle vier oder fünf Jahre befällt".

Wird so aus dem Irakkrieg ein Kulturkrieg? Wohl kaum. Der Soziologe Wolf Lepenies kam Anfang dieser Woche in der Welt mit seiner Diagnose dem wahren Leiden viel näher. "Kulturneid" zwischen Amerikanern und Franzosen sei da am Werke. Und der reiche zurück bis zur Französischen Revolution (die Franzosen konnten es nicht verwinden, dreizehn Jahre später als die Amerikanische auf die Barrikaden gegangen zu sein) und Alexis de Toqueville (für Amerikaner ein Stachel im Fleische, weil der sie unbarmherzig durchschaute). Für den ausgewiesenen Frankreich-Kenner Lepenies ist dieser Kulturneid zwischen Amerikanern und Franzosen so dauerhaft und heftig, "weil es sich bei ihnen um Konkurrenten im Zivilisationsexport handelt".

Nun wird Frankreich seit Jahren von einer Niedergangsstimmung heimgesucht, dem déclinisme , die dort viel populärer ist als die allsonntägliche Apokalyptik einer Sabine Christiansen das bei uns je schaffte. Das mag auf die Kultur abfärben. Jedenfalls sind die Zeiten eines Sartre und Camus, eines Michel Foucault oder Roland Barthes längst vorbei, wer wollte das bestreiten, das hat man nicht erst aus Time erfahren. Kein Picasso werkelt an der Seine, wie wahr, und das Oeuvre eines Truffaut, Louis Malle, ja selbst des noch lebenden Godard sind längst (Film-)Geschichte.

Und Grass ist auch kein Goethe. Überhaupt, wie geht es der deutschen Kultur? Ganz gut, wenn man den Verkaufswerten der Werke eines Gerhard Richter oder Anselm Kiefer glaubt, sich in jüngerer Zeit die Nominierungslisten für den Oscar anschaut oder Tokyo Hotel hört, zum Beispiel in Paris.

Was aber sagen solche Exporterfolge über Deutschland aus? Ist hierzulande alles womöglich noch viel schlimmer als in Frankreich, weil große Kunst und Kreativität ja angeblich Leidensdruck braucht? Wo bleiben nach dieser Logik dann aber die Michelangelos oder wenigstens die Michelangelo Antonionis unserer Tage, wo Italien doch politisch, wirtschaftlich leidet und selbst seine Fußballweltmeisterschaft mit rassistischen Hooligans und Ligaskandalen bezahlt?

Don Morrison straft übrigens am Ende seines Artikels seine Todesanzeige selbst Lügen. "Französische Kultur ist überraschend lebendig", lesen wir da, und es folgt viel Lob für die Filme eins Luc Besson oder Jacques Audiard, für die Literatur einer Yasmina Reza oder die Chansons von Benjamin Biolay und Vincent Delerm. Frankreich könne am ehesten, so Morrison, zu global glory zurückfinden, wo seine zornigen Minderheiten einen munteren "multiethnischen Bazar" veranstalten. Warten wir es ab. Und freuen uns einstweilen, dass wenigstens ein amerikanisches Magazin so ausführlich und kenntnisreich die eben noch totgesagte französische Kultur reanimiert. Vielleicht ist hierzulande dafür der Kulturneid einfach nicht groß genug – oder die Neugier zu gering geworden.

Joachim Fritz-Vannahme, langjähriger ZEIT-Redakteur, leitet heute die Europa-Projekte der Bertelsmann Stiftung