"Ein schrecklicher Unfall", sagt der Dresdner Finanzwissenschaftler Helmut Seitz, sei die Krise der Sachsen LB. "Aber er bedeutet nicht den Untergang Sachsens." Selbst dann nicht, rechnet der 51-jährige Universitätsprofessor vor, wenn der Freistaat nun eine Bürgschaft von knapp drei Milliarden Euro übernehmen muss und die gesamte Summe fällig würde, um die Verluste der Bank aus ihren fehlgeschlagenen Spekulationsgeschäften mit US-Immobilienkrediten zu decken.

Sachsen müsste dann Schulden aufnehmen. Die Verschuldung pro Kopf würde auf etwa 3000 Euro steigen. Bisher hat der Freistaat den niedrigsten Schuldenstand nach Bayern und vor Baden-Württemberg. Im schlimmsten Fall, erklärt Seitz, würde das Land auf das Niveau der Schwaben rutschen. Damit stünde Sachsen immer noch besser da als die meisten Bundesländer. Zum Vergleich: Die anderen ostdeutschen Länder kommen durchschnittlich auf Verbindlichkeiten von knapp 7000 Euro pro Einwohner.

Vom Mustersparer zum Hauptschuldner

Die Ironie der Geschichte: Sachsen kann Ausfälle bei den Anlagegeschäften der Landesbank nur deshalb relativ unbeschadet ausgleichen, weil der heutige Regierungschef Georg Milbradt (CDU), der die SachsenLB einst mitgründete, in seiner Zeit als Finanzminister von 1990 bis 2001 eisern gespart hat. Durch die Transfers aus dem Westen konnten die Ostländer zunächst ziemlich unbeschwert ihre Haushalte aufstellen. Aber Milbradt traf von Anfang an Vorsorge für die Zeit, in der mit dem Abschmelzen der Solidarhilfen unwiederbringlich auch die Ausgaben sinken müssen.

Doch nun steht der dickschädelige Westfale womöglich dennoch vor der Ablösung, weil er für das Desaster der SachsenLB verantwortlich gemacht wird. "Politisch kopfneutral" werde es nicht abgehen, kommentiert Seitz im Ökonomenslang, ohne einen Namen zu nennen. Auch der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt sieht den Ministerpräsidenten wackeln: "Milbradts Autorität gründet sich auf seine unbestrittene Rolle als Finanzfachmann. Jetzt hat er einen kapitalen Bock geschossen."

Patzelt hält es für möglich, dass sich noch vor Weihnachten entscheidet, ob der Ministerpräsident im Amt bleibt. "Solche Krisen sorgen für einen riesigen Zeitdruck", sagt er. "Der Knoten schürzt sich wie im Bühnendrama."

Erst Sachsen, dann die Partei

Doch ob Milbradt stürzt, ob er der Einzige sein wird - dazu wollen sich Politiker der schwarz-roten Regierungskoalition in Sachsen in diesen Tagen nicht offen äußern. Selbst so extrovertierte politische Gegenspieler wie Ex-Innenminister Heinz Eggert (CDU), einst ein Milbradt-Vertrauter, und Karl Nolle, der Affären-Chefaufklärer aus der SPD-Fraktion, mahnen zur Zurückhaltung. "Über die politische Verantwortung reden wir dann, wenn die Rettung der SachsenLB in trockenen Tüchern ist. In einer Notsituation müssen alle zusammenstehen", sagt Nolle. Eggert klingt ähnlich: "Warten wir ab. Wir reden über Zahlen wie die Blinden über die Farbe. Wir wissen heute noch nicht, wie hoch die Schulden am Ende sind."

Erst das Land, dann die Partei: Das gilt für den Moment. Spätestens ab nächster Woche, das wissen Eggert und Nolle, wird es um die Zukunft von Georg Milbradt gehen. "Nach der SachsenLB-Entscheidung kann es sein, dass in der Fraktion die Hände hochgehen und das Urteil lautet: schuldlos schuldig", orakelt Eggert. "Dann könnten personelle Konsequenzen nötig sein." Nolle hat den Konjunktiv längst hinter sich gelassen. Für ihn steht seit Monaten fest, dass der Milbradt von den ausufernden Spekulationsgeschäften der Landesbanktochter in Dublin wusste, aber nicht eingriff.