Mit Schrecken und Befriedigung schaut ein Sohn zu, wie seiner künstlerisch ambitionierten Mutter alle Zähne gezogen werden. Er hofft, diese schmerzhafte Prozedur würde sie endlich zur Vernunft bringen: "Da, dachte ich jedes Mal, wenn ein blutiger Zahn in die Schale fiel. Da … da … da. Wie sollte sie das romantisch verklären können?" Nahezu alle Geschichten, die der amerikanische Schriftsteller Richard Yates in seinem zweiten Erzählungsband Verliebte Lügner versammelt hat, sind offenbar von diesem einen Wunsch beseelt: der Realität, auch gegen die zähesten Widerstände, zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Erzählung Grüße zu Hause bildet mit ihrer zynisch-pessimistischen Perspektive keine Ausnahme.

Schon in seinem ersten Roman, der 1961 erschienenen Revolutionary Road , verfolgte der 1926 in Yonkers, New York, geborene und 1992 in Kalifornien verstorbene Autor die Entromantisierung der Wirklichkeit. Als das Buch in Deutschland vor fünf Jahren wiederentdeckt wurde, setzte hierzulande eine wahre Yates-Euphorie ein. Heute ist Zeiten des Aufruhrs - so der deutsche Titel - ein moderner Klassiker. In diesem fulminanten Roman ließ Yates, als ebenso erbarmungsloser wie genüsslicher Erfinder fataler Entwicklungen, ein New Yorker Vorstadtpaar brutal an seinem falschen Selbstbild scheitern. Nicht minder übel traf es die beiden Schwestern, deren Lebensgeschichten Yates in seinem erstmals 1976 in den USA erschienenen Roman Easter Parade erzählte, einem wahren Lehrstück über das Scheitern weiblicher Glücksbestrebungen.

Seiner Grundannahme vom Elend menschlicher Existenz verlieh der Autor auch in der kurzen Form meisterlich Ausdruck. Hiervon konnten sich die deutschen Leser bereits überzeugen. Seitdem Elf Arten der Einsamkeit kurz nach seinem erfolgreichen Romandebüt erschien, dürfte Yates auch in Deutschland als einer der großen Stammväter der modernen amerikanischen Short Story gelten. Dem lakonischen Stil seiner jüngeren Kollegen, allen voran Raymond Carver und Richard Ford, ist die literarische Öffentlichkeit ihre Bewunderung niemals schuldig geblieben.

Von großer Qualität sind auch die sieben klassischen Geschichten in Verliebte Lügner , die Anette Grube trefflich ins Deutsche übertragen hat. Anfang der Achtzigerjahre erstmals in Buchform erschienen, reicht der Zeitraum, in dem diese späteren Geschichten des Autors spielen, von den Dreißigerjahren (Weltwirtschaftskrise) bis zum Beginn der Siebzigerjahre (Rückzug der Amerikaner aus dem Vietnamkrieg). Bevölkert werden sie von dem üblichen Yates-Personal, geschiedenen Müttern, verzagten jungen Männern und hoffnungslosen Liebespaaren. Meistens handeln sie von dem Kummer, den Frauen, seien es nun Mütter, Töchter oder Partnerinnen, den Männern, aber auch ihren Kindern machen.

So berichtet die Eingangserzählung Ach, Joseph, ich bin so müde von einer geschiedenen zweifachen Mutter, die meint, sich unbedingt als Bildhauerin verwirklichen zu müssen. Obwohl weitgehend talentfrei, erhält sie die Gelegenheit, den Kopf des frisch gewählten Präsidenten Roosevelt zu modellieren. Der Leser spürt die Schadenfreude des Autors über die desaströsen Entwicklungen: "Sie war einundvierzig, ein Alter, in dem sogar Romantiker zugeben müssen, dass die Jugend vorbei ist."

In der Erzählung Ein natürliches Mädchen treibt eine Tochter ihren Vater dadurch zur Verzweiflung, dass sie alle ihre guten Möglichkeiten ungenutzt lässt und stattdessen einen zwanzig Jahre älteren, in Scheidung lebenden Geschichtslehrer heiratet. Als sie, ihrerseits Mutter einer Tochter, Jahre später dem Vater unvermutet von ihrer Trennung berichtet, brodelt es in dem alten Herrn: "Oh, Gott, ein ganzes Leben war nicht lang genug, um die Frauen zu verstehen."