Die Regierungschefs der EU dürften einen tiefen Seufzer der Erleichterung ausstoßen. Endlich konnten sie das umfängliche Konvolut abhaken, das ihnen in den vergangenen Jahren solche Kopfschmerzen bereitete und das nun in die Geschichte eingehen wird als Vertrag von Lissabon. Von einem "historischen Durchbruch" zu sprechen, wie es Kanzlerin Merkels sagte, scheint jedoch unangebracht.

Allerorten hält sich der Jubel in Grenzen. Aus gutem Grund. Den Integrationisten geht der Vertrag nicht weit genug, den Gegnern einer EU-Entwicklung ist er gleichwohl ein gefährlicher Schritt in Richtung eines europäischen Superstaates. Aber eines ist nicht zu leugnen: Es fehlt die breite Zustimmung der Europäer für dieses Vertragwerk, mit dem die europäische Integration an einen vorläufigen Endpunkt angelangt ist, der sich als ziemlich dauerhaft erweisen könnte.

Noch einmal werden es die Regierenden so schnell nicht wagen, den Anspruch auf eine "ever closer Union", auf eine ständig engere Union erneut durchzusetzen. Ein Warnzeichen stellte der Streit um den passenden Namen da. Die Mutation der ursprünglich avisierten "Verfassung" in einen "Reformvertrag" war notwendig, um die direkte Mitwirkung der Bürger per Referenden zu vermeiden. Die Chance des erneuten Scheiterns war einfach zu groß; Europas politische Eliten wollten dieses Risiko nicht noch einmal eingehen.

Ihre Angst ist durchaus berechtigt. Vor zwei Monaten zeigten Umfragen in den 5 größten EU-Ländern eine deutliche Mehrheit jeglicher Bevölkerung gegen das neue Vertragswerk. Nichts wäre schlimmer für die Eliten, als würden ihnen unbedarfte Wähler erneut ins Handwerk pfuschen. All die fein ziselierten juristischen Klauseln und diplomatischen Kompromisse wären dann womöglich für die Katz gewesen. Das darf nicht sein.

Weshalb man nicht zuletzt großen Wert auf die korrekte Bezeichnung legt. Der Grundlagenvertrag von Lissabon sei etwas ganz anderes als die ursprüngliche Verfassung – sagt allen voran die britische Regierung. Sie bedarf dieser rhetorischen Krücke, um sich um das Versprechen herumdrücken zu können, die eigene Nation in einer Volksabstimmung entscheiden zu lassen. Dagegen haben Merkel, Zapatero, Giscard d’Estaing und Barroso oft genug, und mit Blick auf London nicht ohne ein bisschen Häme, betont, dass der Vertrag so gut wie identisch sei mit der ursprünglichen Verfassung. Beide Seiten können nicht Recht haben. Kein Wunder, dass ein schaler Geschmack zurückbleibt. Das Stigma der Angst vor dem Willen der Völker wird haften bleiben.