Kult oder Kultur?

Sowas nennt man Timing! Als am 12. Dezember in Essen zum vierten Mal der Deutsche Entwicklerpreis für die Entwickler von Computer- und Videospielen vergeben wurde, machte am Veranstaltungsort, im Kino Lichtburg, eine Meldung schnell die Runde: Die EU-Kommission Steuervergünstigungen für die Produktion von Computer- und Videospielen für zulässig erklärt.

Bis zu 20 Prozent der Produktionskosten von Games sind ab 2008 steuerlich absetzbar. Voraussetztung ist, dass die Games Qualität haben, originell sind und zur kulturellen Vielfalt beitragen. Die versammelten Games-Liebhaber vestanden in erster Linie "Kultur" und freuten sich.

Malte Behrmann, politischer Geschäftsführer von G.A.M.E, dem Bundesverband der Entwickler, nannte es einen "historischen Tag", denn endlich betrachte man Computer- und Videospiele als Kunst. Selbstverständlich ließ der Beifall der rund 950 Gäste, die auf Einladung gekommen waren, nicht lang auf sich warten.

Dass Games "gar nicht so schlimmes Teufelszeug" seien, wie viele bislang glauben, das war auch ein Teil der Eröffnungsrede von Thomas Jarzombek, dem neuen medienpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag. Es werde immer deutlicher, so Jarzombek, dass Games " das Zukunftsthema" seien. Im Übrigens hätte der Medienbeauftragte nichts dagegen, wenn die Games Convention irgendwann in Köln stattfinden würde. Über den Standort Leipzig wird ja schon länger diskutiert.

Es war auch sonst ein sehr lebendiger Abend, mit Christine Henning (Ehrensenf.de) als eine Szene-nahe Moderatorin, mit unterhaltsamen Rednern, mit jubelnden Gewinnern und vor allem mit einer ausgelassenen Stimmung unter den Gästen. Der große Gewinner des Abends war das Blue Byte Studio, das zu Ubisoft gehört. Für ihr PC-Aufbaustrategiespiel Die Siedler – Aufstieg eines Königreichs erhielten die Macher insgesamt sechs Auszeichnungen, auch in der angesehenen Kategorie Bestes Deutsches Spiel 2007. Es verbreitet sich ein Flair von Oscar-Verleihung. Alex Brüggemann, der seit 1995 im Computerspiele-Bereich tätig ist und seit Januar 2006 als Game Designer bei Blue Byte arbeitet, war natürlich wegen des Erfolges froh, aber auch, weil es diese Veranstaltung gebe: "Das zeigt, dass es nicht irgendein Nerd-Hobby, sondern auch von einer gewissen Relevanz ist."

Der Innovationspreis der Jury ging an Overclocked , ein Point-and-Click-Adventure des Bremer Entwicklerstudios House of Tales . Ihren Diskurs zum Thema "Wurzeln der Gewalt" bauten sie nämlich so auf, dass die Erzählung im Stil von Neo-Noir-Filmen à la Memento von hinten nach vorne aufgerollt wird. Keen games, ein Studio mit Sitz in Frankfurt am Main, gewann mit Anno 1701 – Dawn of Discovery (DS) in der Kategorie Bestes Handheld-Spiel. Den Award für das beste Jugendspiel 2007 konnte das Knobelspiel Crazy Machines II von Fakt Software erringen. Als bestes deutsches Adventure wurde Jack Keane von Deck 13 Interactive gekürt.

Kult oder Kultur?

Den Preis für die beste Spielwelt konnte das Team ebenfalls mit in die Mainmetropole nehmen. Zum besten Casual Game wurde das Knobelspiel Think von Independent Arts Software gewählt. Simon the Sorcerer - Chaos ist das halbe Leben von Silver Style erachtete die Jury so gelungen, dass sie den Titel mit der Auszeichnung für das beste deutsche Kinderspiel bedachte. Darüber hinaus gab es Auszeichnungen in etlichen anderen Kategorien, etwa für das beste Browserspiel oder das beste Handyspiel.

Michael Schade, einer der beiden Gründer und Geschäftsführer von Fishlabs Entertainment aus Hamburg, fand sich und sein Team bestätigt, als das Handyspiel Blades & Magic gewann: "Als wir mit unserem 3D-Rollenspiel anfingen, haben uns alle für nicht mehr ganz richtig im Kopf gehalten. 3D-Spiele auf dem Handy, das geht doch gar nicht. Meist sind es ja kurzweilige Geschicklichkeits- oder Jump’n’Run-Spiele. Aber wir haben gesehen, dass es doch funktioniert. Offensichtlich gibt es eine Menge Leute, denen das gefällt. Was die Technik betrifft, so bewegen wir uns derzeit auf dem Niveau der ersten PlayStation."