Luqman aus Indien sucht Rat. "Muss ich Allahs Strafe fürchten, wenn ich ein Internetcafé führe?", fragt er beim Fatwa-Dienst, einer virtuellen Plattform für islamische Rechtsgutachten, auf www.islamonline.net nach. Die Antwort kommt von weit oben, von Scheich Faysal Mawlawi, und fällt positiv aus: "Tatsächlich wird es Muslimen empfohlen, das Internet zu nutzen, um den Islam und seine Lehren zu verbreiten", schreibt der Vizechef des Europäischen Fatwa-Rates. Das Internetcafé geht also in Ordnung. Nachsatz Mawlawis: "Allah, der Allmächtige, weiß es am besten."

Islam und Internet. Wer an diese Kombination denkt, dem schießen zunächst dschihadistische Webseiten in den Kopf, aufgeregte Amateurvideos, in denen vermummte Männer mit Kalaschnikows in der Hand gegen den Westen wettern. 5000 bis 7000 solcher Seiten lassen sich im World Wide Web finden - die Zahlen variieren je nach Experten. Wenig ist das nicht, aber letztlich doch ein Minderheitenprogramm, dem westliche Medien gerne ihre Hauptaufmerksamkeit schenken. Nicht nur, weil sich teils manifeste Drohungen gegen den Westen finden, sondern weil sie Auflage und Quote erhöht.

Jenseits grimmiger Propagandaportale existiert im Netz aber eine unüberschaubare Zahl von Seiten, die muslimischen Internetusern ein buntes Glaubensangebot bereitstellen. Fatwa- und Suchdienste, Onlinebibliotheken, Diskussionsforen oder Webshops für schariakonforme Waren - kaum etwas, das es online noch nicht gibt. Und: Das virtuelle Treiben hat Rückwirkungen auf die facettenreiche Weltreligion selbst.

"Das Internet ist heute längst in den islamischen Diskurs integriert", sagt Gary Bunt, Islamwissenschaftler an der Duke-Universität in Wales. "Die Orte, wo, und die Arten, wie Entscheidungen getroffen werden, haben sich durch das Internet ebenso verändert wie die Autoritäten", sagt der Autor des Standardwerks Virtually Islam und Betreiber des gleichnamigen Blogs . Er gehört zu einer Handvoll Experten, die sich weltweit mit dem Thema "Islam und Internet" auseinandersetzen. Grundsätzlich gilt: Nach aussagekräftigen Daten zu Nutzern und Nutzung kann man lange suchen. Die wenigen verfügbaren Expertisen beschränken sich auf die Beschreibung von Phänomenen.

Online-Fatwas zählen zu den - auch inhaltlich - bedeutenderen Phänomenen. www.al-islam.com , die erste Seite ihrer Art, ging am 9.11.1995 online. Wie viele Gutachten heute im Netz zirkulieren? Selbst Experte Bunt weiß es nicht. Aber: Es werden jeden Tag mehr.

Mittlerweile sprechen Gelehrte ihre Fatwas sogar im Livechat. Das neue Medium bringt auch neue Fragen hervor. Seit unter Muslimen der Markt für Heiratsvermittlungsagenturen, wie es sie unter www.muslima.com gibt, boomen, beschäftigen sich mehrere Fatwa-Dienste mit der Frage, ob ein Chat zwischen Männern und Frauen verwerflich sei. Webseiten wie www.mobislam.com , die unter dem Motto "Islamise your cell phone" Suren als Klingeltöne anbieten, werfen wiederum die Frage auf, ob Allah solche Gadgets billige.