"Jedes Kind hat ein Recht auf Entwicklung und Entfaltung seiner Persönlichkeit, auf gewaltfreie Erziehung und auf den besonderen Schutz vor Gewalt, Vernachlässigung und Ausbeutung." Dies soll als Grundrecht für Kinder ins Grundgesetz aufgenommen werden, wenn es nach der SPD geht. Bisher hatte sich die Union dagegen gewehrt, doch nach den jüngsten Fällen von Kindesmisshandlungen und -tötungen wollen immer mehr CDU- und CSU-Politiker den Zusatz ebenfalls. Es ist nur ein einziger Satz, der dem Artikel 6, der den Schutz von Ehe und Familie regelt, hinzugefügt werden soll. Nun kann man sagen: Diese Forderung sollte eigentlich selbstverständlich und mit den Menschenrechten abgedeckt sein, die ja auch für die Kinder gelten. Das ist ganz richtig – aber leider doch falsch. Denn es ist eben nicht selbstverständlich.

Aus diesen Gründen hat man auch das Recht der Mütter in der Verfassung verankert, weil es dieses Symbol brauchte, um im Bewusstsein nicht nur von Richtern und Jugendamtsmitarbeitern zu verankern, dass Mütter eigene Rechte haben, nicht nur als Teil der Familie funktionieren. Bei Kindern ist das allerdings viel dringlicher, denn sie können nicht selbst auf ihre Menschenrechte pochen, wie erwachsene Mütter das könnten. Und Kinder sind nicht nur Teil einer schützenswerten Familie, sondern auch gegen ihre Familie zu beschützen, wenn das notwendig wird.

Die Pflicht zum Kinderschutz im Grundgesetz wäre natürlich nur ein Symbol und als ein solches nur ein Baustein, der parallel zu vielen konkreten Maßnahmen getroffen werden sollte. Aber dieses Symbol kann trotzdem Kraft entwickeln. Denn es könnte dazu beitragen, Scheinargumente zu entkräften: Pflichtuntersuchungen beim Kinderarzt widersprechen der Verfassung, heißt es, weil Ärzte der Schweigepflicht unterliegen, weil der Staat sich doch nicht in die Hoheitsrechte der Familie einmischen darf. So etwas könnte man leicht vom Tisch fegen, wenn die Kinderrechte schwarz auf weiß danebenstünden.

Der Tatort vom Sonntag brauchte den Mord am Anfang nur noch als Alibi, um auf erschütternde Weise eine Geschichte zu erzählen, die wir in vielen Varianten in letzter Zeit gehört haben. Eine Geschichte von jugendlichen Eltern, die nicht in der Lage sind, für ihr Kind zu sorgen, die es lieber aufgeben, um selbst weiterzuleben. Kinder, die selbst ihre Persönlichkeit noch nicht entfalten durften, bekommen Kinder und werden allein gelassen. Anders als die Wirklichkeit, die immer nur offene Fragen zurücklässt, kann die Fiktion uns vielleicht nicht rational erklären, aber zu fühlen geben, wie es so weit kommen kann. Kommt sie noch dazu, wie in diesem Tatort mit hübschen, gepflegten Hauptfiguren daher, schauen wir auch hin.

So etwa kann man sich das wahre Leben vieler Familien vorstellen. Irgendwie reißen sich überforderte Mütter und Väter zusammen und funktionieren jahrelang – oder, wenn es gut geht, ein Leben lang. Sie versorgen ihre Kinder, doch für Liebe und Förderung haben sie keine Kraft und keine Reife. Bei manchen allerdings bricht plötzlich der Damm. Eine Kurzschlusshandlung, und man gaukelt sich vor, da wäre der Ausweg. Wenn man die Kinder einfach beseitigt.

Natürlich ändert auch eine Verfassungsänderung gar nichts an der konkreten Situation dieser Kinder, wenn es schon so weit gekommen ist. Der Satz könnte einfach verpuffen, weil nichts folgt. Aber es wäre einen Versuch wert, ihn deutlich zu kommunizieren. Dann könnte er sich im Bewusstsein der Gesellschaft eingraben und damit in den Köpfen der Eltern, der Freunde, der Politiker, die Gelder bewilligen, der Sozialarbeiter, die abwägen müssen, ob sie die Eltern oder die Kinder stärken.