Vollkommen überraschend hat das Strafgericht im türkischen Antalya Marco W. aus der fast achtmonatigen U-Haft entlassen. Der 17jährige Uelzener Schüler darf auch die Türkei verlassen. Als neuer Verhandlungstermin wurde der 1. April festgesetzt.

Die rechtlichen Begründungen lauteten, die Beweisausnahme werde noch länger andauern – eine weitere Haft sei nicht vertretbar. Doch noch einen Tag vor dem Prozess hatte alles schlecht ausgesehen. Ömer Aycan, der Anwalt der 13jährigen Charlotte, die Marco nach Aycans Ansicht vergewaltigt haben soll, hatte sich vollkommen sicher gegeben, dass es zur Höchststrafe kommen würde: 15 Jahre, für Jugendliche zehn Jahre. Der Grund: Gerade war die türkische Übersetzung eines 143 Seiten starken Berichts aus England mit den Aussagen des Mädchens und den ärztlichen Gutachten bei Gericht eingetroffen - aus Aycans Sicht voller belastender Beweise.
"Jetzt sind die Aussagen und die ärztlichen Gutachten aus England da, und das Urteil kann gefällt werden", sagte Aycan. Die Unterlagen zeigten, "dass wir vollkommen im Recht sind". Zuvor hatte der Rechtsanwalt, der stets aggressiv auftritt, behauptet, die Eingabe von Marcos Anwälten an den Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg richte sich gegen die Republik Türkei – ein weiterer Versuch, die Richter über das Nationalgefühl zu gewinnen.

Der Anwalt traf damit die verbreitete Stimmung im Land, wo man sich schon seit Monaten beschwert, die deutschen Politiker mischten sich in ein laufendes Verfahren ein. Die türkische Justiz verdiene genau soviel Respekt wie die in den Ländern Europas, und ihre Unabhängigkeit sei heilig. So lauteten seit dem Beginn des Strafverfahrens alle türkischen Antworten, wann immer sich aus Deutschland Politiker und Journalisten für die Freilassung des 17jährigen Schüler seinsgesetzt hatten.

Dass das Gericht der Forderung nach Freilassung von Marco nun stattgegeben hat, scheint aber nicht nur mit dem Recht zu tun zu haben. Zum einen wurden jetzt selbst in der Türkei kritische Stimmen laut, denn die Verschleppung des Prozesses drohte dem Türkeitourismus zu schaden. Unter den Hoteliers in der Region ging seit geraumer Zeit die Sorge um, dass sich ein Teil der fünf Millionen Deutschen, die im Laufe des nächsten Jahres in der Türkei erwartet werden, das Ziel ihres Urlaubs noch einmal überdenken könnten. Schliesslich gibt es noch andere Urlaubsländer, in denen die Verfahren sich nicht ewig hinziehen, und Angeklagte nicht endlos in der U-Haft schmoren. Es ist deshalb zu einfach, wenn der Minister für Tourismus Ertugrul Güney sagt: "Warum soll der Tourismus drunter leiden, wenn hier die Sittlichkeit geschützt wird?"

Sittlichkeit heißt allerdings auch, die Rechte von Angeklagten zu beachten. Das wusste Vural Öger, der deutsche Reisemagnat türkischer Herkunft, der sein Geschäft vor allem mit Zielen in der Türkei macht. Öger ist in Antalya ein einflußreicher Mann, und außerdem sitzt er für die deutschen Sozialdemokraten im Brüsseler Europaparlament. Mindestens zweimal hat Öger gestern mit dem Richter gesprochen, nachdem er Marco W. vorher im Gefängnis besucht hat.