Es ist eine der großen Ungerechtigkeiten der Musikgeschichte: Einst waren da Ike und Tina Turner, dann kam sie groß raus, und er ging unter.

Die Musik des Duos hatte die Sechziger aufgewühlt und die frühen Siebziger. Rund vierzig Alben hatten die Turners eingespielt in ihrer sechzehn Jahre währenden musikalischen Partnerschaft. Aus den Plattenrillen quoll ein unerhörtes Emulgat aus Rock'n'Roll und Gospel, Funk und Pop, Blues und Soul. Mitte der Siebziger stürzten sie ab. Sie verließ ihn und reichte die Scheidung ein.

Tina wurde mit dem Album Private Dancer 1984 zum Superstar, 20 Millionen Exemplare verkaufte sie weltweit. Ikes Soloplatten wollte niemand haben. Während sie in den Neunzigern durch die Stadien der Welt tourte, ging er wegen Drogenmissbrauchs für anderthalb Jahre ins Gefängnis.

Wem wäre Tinas Reibeisenstimme aufgefallen, wenn nicht im Hintergrund dieser Derwisch präzise und aggressiv auf seine Gitarre eingehauen und am Tremolo gezerrt hätte? Die beiden spielten
viele Hits anderer Musiker, Ike arrangierte sie neu und stützte Tinas Stimme mit energetischen und gefühlvollen Eigenkompositionen.

Vor seiner Zeit mit Tina war er auf Pionierspfaden gewandelt. Die Legende sagt, er habe mit den Kings Of Rhythm im Jahr 1951 den Rock'n'Roll erfunden. Unter dem Namen Jackie Brenston and his Delta Cats nahm die Truppe die Single Rocket 88 auf. Dieser Lobgesang auf das Oldsmobile 88 war eigentlich ein einfacher zwölftaktiger Blues. Ike Turners Klaviergehämmer, Jackie Brenstons großmäuliger Gesang und Willie Kizarts verzerrte Gitarre machten ihn jedoch zu einer Offenbarung. Solche Gitarren hatte man vorher noch nicht gehört: Der Verstärker war vom Regen durchnässt, und dem Produzenten Sam Phillips gefiel der kaputte Klang so gut, dass er sich weigerte, Ersatz zu beschaffen. Ike Turner hatte das Stück geschrieben.

Musikalisch war er ein Genie, sein Leben aber entglitt ihm immer wieder. Er war die böse Hälfte von Ike & Tina, so schrieb sie es in ihren beiden Biografien I, Tina und Taking Back My Name . Im Jahr 1993 wurde die Beziehung der Turners verfilmt, What’s Love Got To Do With It ließ nicht viel Raum für Sympathie: Ike Turner, gespielt von Laurence Fishburne, habe seine Frau betrogen, sie verprügelt und vergewaltigt. Immer wieder sei er aus dem Tonstudio geworfen worden.

Jahrelang leugnete Turner seine brutalen Ausfälle. Erst vor sechs Jahren gestand er in seiner Biografie, Tina mal einen Klaps gegeben zu haben und sie grundlos zu Boden geschlagen zu haben. Aber verprügelt habe er sie nie. Es täte ihm leid, aber ändern könne er es nicht mehr.

Mitte der Neunziger hatte er wieder mit der Studioarbeit begonnen, für sein letztes Album Risin' With the Blues erhielt er 2007 einen Grammy. Izear Luster Turner Jr., so sein bürgerlicher Name, starb am 12. Dezember in San Diego an einer Lungenkrankheit. Er wurde 76 alt.

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