29. November 1777. Weimar.Früh gegen sieben ab übern Ettersberg in scharfen Schlossen... stürmisch gebrochen Wetter, reine Ruh in der Seele...

Der da frühmorgens aus Weimar stürmt und drängt und sich schon gegen Abend ganz klassisch fühlt, der Geheime Legationsrat Goethe ist ausgebüxt. Allein, zu Pferde und inkognito. Zwei Jahre war der Dichter nun im öffentlichen Dienst, 28 Jahre alt und auf dem besten Wege, als persönlicher Berater des Herzogs Karl August zweiter Mann im Staat zu werden. Vielversprechend auch sein Verhältnis zu Charlotte von Stein, sein Erfolg als Autor des Beststellers Die Leiden des jungen Werthers“ .

Dann plötzlich das Gefühl: die Karriere, die Liebschaft, die Kleinstadt – raus hier, für ein paar Tage untertauchen, von der Hofgesellschaft weg in die freie Natur.

Die Gelegenheit war günstig, der Herzog auf Wildschweinjagd. Um unterwegs lästige Fragen zu vermeiden, nennt Goethe sich Johann Wilhelm Weber, Maler aus Darmstadt. So beginnt, miten im Winter, „jener einsame, wunderliche Ritt“ in den Harz, den der Geheimrat Goehte 1822, sich selber historisch geworden, mit allerlei nützlichen Studien motiviert, Bergbau und Naturwissenschaften. Gewiß, aber für mich ist er damals einfach abgehauen.

Anno 1977, im Interhotel Elephant in Weimar, meint Bernd Leistner, Mitglied der Goethe-Gesellschaft: „Wer konnte sich solche Eskapaden schon leisten außer Goethe!“ Viele junge Leute, sagt mir der Leipziger Literaturwissenschaftler, treten neuerdings der Goethe-Gesellschaft bei, „keine Anbeterei, sondern kritische Auseinandersetzung mit dem Werk dieses Reformisten, der sich mit dem Fürsten arrangiert hat“.

30. November. Ilfeld.Sonntag früh nach sechsen von Greussen mit einem Boten ab. War scharf gefroren und die Sonne ging mit herrlichsten Farben auf... Die Spitze des Brockens einen Augenblick, hinter Sondershausen weg auf Sundhausen... Die Nacht kam leise und traurig. Auf Sachswerfen, wo ich einen Boten mit einer Laterne nehmen mußte, um durch die tiefe Finsterniss hierher (Ilfeld) zu kommen. Fand keine Stube leer. Sizze im Kammergen neben der Wirthsstube. War den ganzen Tag in gleicher Reinheit.

Ärgerte mich den ganzen Tag über Parallelen, die keine waren. Zwar hatten wir Licht am Auto, aber einen Boten mußten wir dennoch nehmen: einen offiziellen Begleiter aus Berlin gemäß den Verordnungen für Reisekorrespondenten in der DDR. Auch sei, hieß es aus Berlin, keine Stube leer an den Stätten, wo Goethe schlief. Standquartier also im Motel Harztourist an der Rappbodetalsperre, ein trister Neubau weitab von jeder Ortschaft.

Wie gemütlich dagegen die alte Krone in Ilfeld, Goethes erste Station im Harz, heute Gaststätte des FDGB. „Hexenkuss“ heißt das Vanilleeis. Wir kippen einen Nordhäusser Doppelkorn. „Den hat Goethe auch getrunken“, versichert der Wirt. Wo schlief der Dichter? Der Wirt zeigt hinter die Theke: „Da war’s, wir haben ein bißchen umgebaut.“

Wo der vorgebliche Maler Weber anderntags auf seinem Schimmel „Poesie“ das Dorf verließ, Am Mühlberge, hängt 200 Jahre später der Rentner Herbert Hirschelmann ein frisch lackiertes Schild auf: „Goethe-Weg. Diesen Weg ritt Goethe am Morgen des 1.12.1777.“ „Das Datum hab’ ich nie vergessen“, sagt seine Schwiegertochter Irmgard, „das hat uns der Lehrer mit einem Stöckchen eingebleut.“

1. Dezember. Elbingerode.Montag früh 7 von Ilfeld ab. Mit einem Boten, gegen Mittag in Elbingerode. Felsen und Bergweeg Gelindes Wetter leiser Regen „Dem Geyer gleich“. Nach Tische in die Baumannshölle.