Auf dem Wissen- und Parkgelände am Aasee vor Münster wurden in diesem Sommer von Claes Oldenburg, dem amerikanischen Pop-Künstler, drei Riesenbillardkugeln aus Beton plaziert, Gebilde, die wegen ihrer Größe und ihrer Form (von der Kindermarmel über den Fußball bis hin zum Globus sind Kreis und Kugel eine zentrale Form im täglichen Leben wie in philosophischen Systemen) jedem ins Auge fielen, ob er nun zielbewußt die über Münster verstreute Ausstellung „Skulptur“ verfolgte oder nur herumspazierte.

Und jedem dienten diese Kugeln zu etwas anderem: Die einen ließen sich auf das Riesenspielzeug und seine Verwirrfähigkeit ein, merkten, wie sich durch seine Anwesenheit die anderen Proportionen verschoben und Perspektiven veränderten und die Realität der Bäume, Boote, Menschen plötzlich Spielzeugcharakter gewann; die anderen pinselten Parolen drauf.

Vor dem Fridericianum in Kassel wurde im Zusammenhang mit der documenta 6 von Richard Serra, dem amerikanischen Eisenplastiker, ein turmartiges Gebilde aus vier hohen, trapezförmigen Stahlplatten aufgestellt, ein Kartenhaus, dessen statische Konstruktion allen optischen Gesetzen zu widersprechen schien, das in der Wirkung spielerisch und einschüchternd zugleich war. An diesem Monument kam so schnell keiner vorbei. Bei einem Rundgang versuchte man herauszubekommen, warum dieser schiefe Turmbau dennoch nicht zusammenfiel; und durch einen meterbreiten Spalt, der ihn an der einen Seite offen hielt, konnte man hineingelangen und den viereckig ausgeschnittenen Himmel als Preziose betrachten. Ein paar Besucher fanden den Ort auch geeignet, jene Metapher, derzufolge jemand oder etwas angepinkelt wird, in die Realität zurückzuversetzen.

Wer Lust hat auf Resümees, der kann 1977 das Jahr der Plastik nennen. Womit keine neumerische Qualität gemeint ist, sondern die Erfahrung einer Expansion, die nur dem Durchbruch vergleichbar ist, mit dem um 1910 die Plastik des 20. Jahrhunderts einsetzte. Man konnte das auf der Kaseler documenta erleben, wo von Serras materialmächtigem, starren „Terminal“ bis hin zu Rinkes „Gravitationszeichnung“, einer fast immateriellen Raumbeschreibung mittels Loten und Fäden, extreme Varianten von Begriffen wie Materie, Raum, Volumen gezeigt wurden; oder wo im Auepark Plastik sich ganz an der Landschaft und der Situation der barocken Parkanlage orientierte, in die Horizontale wuchs.

In Münster das gleiche Erlebnis, mit teils noch stärkeren und noch gezielter die Stadt durchdringenden Beispielen, dazu, in der Ausstellung im Landesmuseum, der schrittweisen Rückführung auf den Neubeginn der Plastik nach Rodin; das war eine Lektion, die gerade in diesem Moment spannend und wichtig war. Schließlich eine Einzelausstellung wie die im Duisburger Lehmbruck-Museum, wo mit Alberto Giacometti der Beginn der modernen Plastik in einem exemplarisch wichtigen Werk gezeigt wurde.

“Warum Skulptur so langweilig“ ist, überschrieb Charles Baudelaire 1846 einen Abschnitt seiner Rezension des „Salon“, und die Antwort ist nicht schwer: Weil in der Skulptur die Natur imitiert wurde bis hin zur erstrebten Illusion der Identität von Natur und Kunst, weil sie, wenn darüber hinausgehend, auf Idealisierung aus war. Rodin brach diesen Illusionismus und diese Ästhetik zwar auf, für ihn war Skulptur nicht nur Abbild der physischen, sondern auch der psychischen Kondition des Individuums. Aber Mensch und Natur als Sujet seiner Arbeit hatten bei ihm immer Vorrang gegenüber theoretisch formalen Überlegungen, er wollte das in der Gestik und Expression offene Bild des verletztlichen Menschen, das Leben.