Machos, keine Mafia

ZEIT online: Wie viele kriminelle Motorradbanden gibt es?

Klaus Boers: Neben den Hells Angels und den Bandidos gibt es kleinere Motorradklubs, von denen die beiden unterstützt werden. Teilweise sind diese Kleinen auch übernommen worden. Allerdings sind Mitglieder der Hells Angels und Bandidos nicht unbedingt Kriminelle.

ZEIT online: Landläufig wird das angenommen.

Boers: Das ist falsch. Viele Mitglieder führen ein kleinbürgerliches Leben. Einzelne werden kriminell, aber deshalb sind die Klubs noch keine kriminelle Vereinigung. Eine reine Mitgliedschaft ist nicht strafbar. Bisher wurden nur drei Hells-Angels-Klubs in Deutschland verboten: in Hamburg, Düsseldorf und Koblenz.

ZEIT online: Haben diese Klubs viele Mitglieder?

Boers: Es gibt keine genauen Angaben. In Nordrhein-Westfalen jeweils einige Hundert, schätze ich.

ZEIT online: Wie sind die Motorradklubs organisiert?

Boers: Örtlich organisieren sie sich in Vereinen. Bei den Hells Angels heißen sie "Charter", bei den Bandidos "Chapter". Diese Vereine haben hierarchische Strukturen. In jedem gibt es einen Präsidenten, Vize-Präsidenten, Schatzmeister und so weiter. Die Hells Angels hatten beim Prozess in Münster sogar einen Pressesprecher.

ZEIT online: Es ist aber keine mafiöse Struktur?

Machos, keine Mafia

Boers: Absolut nicht. Diese Clubs zählen nicht zum organisierten Verbrechen. Als konspirative Vereinigungen können sie aber gelten. Wenig dringt nach außen, über manches muss man da die Klappe halten. Zur Polizei sagen sie nichts. Es gibt auch Selbstjustiz.

ZEIT online: Inwiefern werden die Motorradrocker kriminell?

Boers: Die Anklagen, die gegen manche vorliegen, reichen von Körperverletzung, Raub, Prostitution, Waffenbesitz, Schutzgelderpressung bis zu Drogenhandel und, wie man im aktuellen Fall sehen kann, Mord. Mancherorts kontrollieren sie einige Bordelle oder Bars.

ZEIT online: Wie gefährlich sind Hells Angels oder Bandidos?

Boers: Für uns? Gar nicht. Die Gewalt spielt sich zwischen den Gruppen ab. Es sind keine Gangs wie in Amerika, die Viertel kontrollieren, in denen man als unbescholtener Bürger mit Sicherheit überfallen wird. Dort sind es vorwiegend junge Leute, die in einem Gebiet illegale Geschäfte kontrollieren, notfalls mit Waffengewalt. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt. Die Altersstruktur in den US-Gangs ist auch eine völlig andere als in den Motorradklubs. Mitglieder der Hells Angels oder Bandidos sind zum größten Teil Männer mittleren Alters, wenn nicht noch älter.

ZEIT online: Keine Frauen?

Boers: Sicherlich haben sie ihre sogenannten Bräute. Aber weibliche Mitglieder gibt es meines Wissens nicht.

ZEIT online: Woher kommen diese Gruppen?

Boers: Das hat viel mit amerikanischen Mythen und Legenden der sechziger und siebziger Jahre zu tun. Easy-Rider, endlose Highways. Beide Klubs haben eine militärische Geschichte. Die ursprünglichen Hells Angels waren ein Bombergeschwader aus Kalifornien, die Bandidos Marines aus Texas, Vietnam-Veterane. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die straffe Organisation erklären. Beide haben Mitgliedschaftssymbole. Das der Hells Angels ist ja sogar als Wahrzeichen geschützt. Auf den Kutten steht dazu noch der Ort, aus dem man stammt. Sie sind, wenn man so will, die Elite unter den Motorradklubs. Eine Harley-Davidson ist ja auch nicht billig.

Machos, keine Mafia

ZEIT online: Wie ist der Prozess in Münster zu bewerten?

Boers: Es soll sich um einen Racheakt gehandelt haben. Eine interne Geschichte. Diese Klubs spielen manchmal noch diese alten Männerrituale durch. Das ist Machokultur par excellence. Doch ich glaube, dass die Klubs als solche eine Erscheinungsform der Vergangenheit sind. Irgendwann lebt sich das aus. Einschließlich der Folklore und des Mythos.

Klaus Boers ist Professor des kriminologischen Instituts an der Universität Münster.

Die Fragen stellte David Hugendick .