Walther Ch. Zimmerli ist Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Er setzt die ZEIT-online-Reihe zum Jahresanfang fort, in der wir ausgewählten Autoren Fragen zum Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft stellen.

Alle scheinen sich einig zu sein: Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Darüber, was das heißen soll, herrscht allerdings kaum Übereinstimmung. Wissen wir als Individuen heute mehr als die Menschen früher? Ist die Wirtschaft bei uns stärker von Wissen abhängig als in anderen Gesellschaften? Oder ist nur gemeint, dass in unserer Gesellschaft Zukunftschancen primär in Abhängigkeit vom Stand der (Aus-)Bildung vergeben werden?

Will man diese Fragen beantworten, ist es hilfreich, sich die Technologisierungsthese wieder in Erinnerung zu rufen; und zwar anhand von drei Selbstverständlichkeiten, die in der Hitze der Theoriescharmützel um die Wissensgesellschaft aus dem Blick geraten sind:

Zum einen meint, wer heute von Wissen spricht, überwiegend wissenschaftliches, genauer: technologisch-wissenschaftliches Wissen.

Zum anderen ist das alte Diktum von Francis Bacon, dass Wissen Macht ist, nach 300 Jahren nun Wirklichkeit geworden. Die technologische Wissenschaft ist zum Haupttreiber der Wirtschaft avanciert.

Drittens hat sich aber dieses wirtschaftlich relevante technologische Wissen selbst radikal verändert: Während es seit Beginn der Neuzeit darauf ausgerichtet war, die Natur zu verändern ("Modus 1-Wissen"), befassen sich die wissenschaftlich- technologischen Entwicklungen gegenwärtig zunehmend damit, die als negativ erfahrenen Folgen dieses Wissens einzudämmen. In der Wissenschafts- und Technologieforschung sprechen wir dann auch von "reflexiven Technologien" und nennen den dazugehörenden Wissenstypus "Modus 2-Wissen".

Sowohl die institutionalisierte Wissenschaft in Gestalt von Hochschulen und Forschungsinstituten als auch die institutionalisierte Wirtschaft, also vor allem Unternehmen, werden sich in Zukunft verstärkt mit dem Modus 2-Wissen befassen müssen. Das wird besonders deutlich, wenn man sich der technologiebezogenen Themen erinnert, die das ausgehende 20. Jahrhundert dominiert haben: Energietechnik, Biotechnologie sowie Informations- und Kommunikationstechnologien.