Das neue Jahr beginnt, wie das alte Jahr endete. Die Zeitungen sind voll mit Texten über Zukunft und Vergangenheit der Tonträgerindustrie, den endgültigen Wegfall des Digital Rights Managements (DRM) und sinkende Einnahmen der Musikkonzerne.

Sony BMG, so berichtet das amerikanische Wirtschaftsmagazin Business Week , wolle künftig Lieder ohne Kopierschutz verkaufen. Sony BMG war unter den großen vier Majorlabels – neben Warner, EMI und Universal – das letzte, das noch am DRM festhielt. Mit dem Wegfall der Kopierbeschränkungen zeichne sich ein grundlegender Wandel der Tonträgerindustrie ab. Bislang sollte das DRM den illegalen Tausch von Musik im Internet verhindern. "Stattdessen dienten die Beschränkungen meistens dazu, die zahlenden Kunden zu frustrieren, indem sie diese zwangen, die gekaufte Musik zuerst auf CD zu brennen, um sie in schlechterer Qualität anschließend auf ein Gerät ihrer Wahl zu laden." Das DRM bestrafe den Unschuldigen stärker als den Schuldigen, sagt Rob Enderle, Hauptanalytiker der Technologie-Forschungsgesellschaft Enderle Group .

David Pakman, Chef des iTunes-Konkurrenten eMusic, ist sich sicher, dass das Digital Rights Management Ende 2008 keine Bedeutung mehr haben wird. Ob dann alles besser wird?

Noch wird mit harten Bandagen gekämpft. Tobias Rapp kommentiert in der taz : "Die Musikindustrie schafft sich selber ab und bietet dem Publikum dabei ein so bizarres wie faszinierendes Spektakel." Anlass des Kommentars ist die Klagewelle, mit der die Tonträgerindustrie momentan illegale Musikkonsumenten abstraft. Sein Kollege Thomas Winkler beleuchtet diese Strategie und hebt ein Fallbeispiel hervor. "Nach Schätzungen des Bundesverbandes der phonografischen Wirtschaft e. V. (Bundesverband Phono) wurden 2006 allein in Deutschland mehr als 400 Millionen Musiktitel über Tauschbörsen aus dem Internet heruntergeladen, weltweit sollen es sogar 20 Milliarden sein. Der Großteil dieser Titel ist urheberrechtlich geschützt, das Download mithin illegal. Das Unrechtsbewusstsein allerdings ist nicht allzu ausgeprägt (…). Seit ungefähr drei Jahren werden Downloader nun auch mit juristischen Mitteln verfolgt. Hierzulande, verkündete der Phonoverband stolz, wurden allein im ersten Quartal des vergangenen Jahres mehr als 15.000 Strafverfahren eingeleitet, Mitte des Jahres waren es schon 25.000." Ziel sei es, möglichst viele Strafverfahren einzuleiten, "sodass irgendwann jeder potenzielle Kunde einen ertappten Downloader kennt oder zumindest von einem gehört hat". Das Problem bleibe weiterhin dasselbe: Der Wert der Musik sei gesunken. Die Schuld "tragen die Unterhaltungskonzerne auch selbst. Weil die Qualität ihres Produkts zum Teil erbärmlich ist. Und weil manche von ihnen einerseits Musik immer teurer machen, aber gleichzeitig immer billigere CD-Brenner auf den Markt bringen."

Eigentlich, schreibt Tobias Rapp, müsste man von einer Industrie, die in wenigen Jahren fast die Hälfte des Umsatzes eingebüßt habe, die Einsicht erwarten können, dass ihr Produkt zu teuer sei und irgendetwas mit dem Vertrieb nicht stimme. "Zumal längst alternative Konzepte entwickelt worden sind, die Idee einer Musikflatrate etwa, bei der man pauschal für das unbegrenzte Downloaden bezahlt. Stattdessen verlässt sich die Phonowirtschaft auf ihre Anwälte und verstrickt sich immer tiefer in einen Kampf, der für sie nicht zu gewinnen ist."

Ähnliches wirft der Künstleragent Kenneth Kraus der Branche vor. Die Frankfurter Rundschau schreibt Folgendes: "Der Nachrichtenagentur Reuters sagte Kraus, dass die Industrie zu viel Zeit damit vergeudet habe, den digitalen Vertrieb zu bekämpfen. Dabei habe man eine ganze Generation von Jugendlichen verloren."

Den kriselnden britischen Musikkonzern EMI wird so schnell kein Umdenken retten können. Wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) mit Berufung auf die Financial Times berichtet, beabsichtige der britische Traditionskonzern, den eingeschlagenen Sparkurs zu verschärfen und weitere Stellen abzubauen. "Der neue EMI-Eigentümer, das Beteiligungsunternehmen Terra Firma des Investors Guy Hands, will bis 2012 die Marketing-Ausgaben um 28 Millionen Pfund kappen. 2008 sei auch ein Stellenabbau unter den weltweit 5500 Beschäftigten wahrscheinlich, hieß es." Faulen Künstlern habe Hands mit dem Rauswurf gedroht. Doch was genau ist ein "fauler Künstler"? Jemand, der nicht jedes Jahr ein neues Album auf den Markt bringt? Bands, die nicht touren oder Autogrammkarten schreiben wollen?