Die Begegnung mit Idolen auf der Leinwand ist immer riskant. Wer gesehen hat, wie sich die Heavy-Rocker von Metallica in der Dokumentation von Joe Berlinger und Bruce Sinofsky als unsichere Bürschchen zu erkennen geben, die einen Psycho-Coach zu Hilfe rufen, weil sie es nicht mehr gemeinsam in einem Raum aushalten, nimmt ihnen die Härte auf der Bühne nicht mehr ab. Als Fan von Joy Division machte man sich daher mit einer gewissen Nervosität auf den Weg zur Deutschlandpremiere des ersten Films von Starfotograf Anton Corbijn in Berlin. Corbijn hat das kurze und tragische Leben von Ian Curtis, dem Sänger der legendären britischen New-Wave-Band, verfilmt.

Auch Corbijn bekennt sich als Fan der Band. Wegen der Musik von Joy Division sei er 1979 von den Niederlanden in das Vereinigte Königreich gezogen, wo er die Band fotografierte. Zart und behutsam nähert er sich nun im bewegten Bild seiner Figur und ihrer Umgebung – der Tristesse des Großbritanniens der Siebziger und Achtzigerjahre, als der Niedergang der britischen Industrie begann und vom Dienstleistungsboom der Blair-Jahre noch nichts zu erahnen war. In großartigen, beinahe fotografischen Einstellungen des Berliner Kameramanns Martin Ruhe zeigt der Film die grauen Wohnblöcke von Macclesfield bei Manchester, die tristen Pubs, die baufälligen Proberäume, aber auch die Menschlichkeit im Kleinen, die grace under pressure in den gezeichneten Milieus.

Curtis wohnt bis zu seinem Tod in Macclesfield. Er heiratet früh und hat eine kleine Tochter. Doch es zieht ihn immer wieder nach draußen, die Band spielt in London, der Erfolg wird größer, er verliebt sich. Während sich seine Bandkollegen Bier trinkend auf die neue Situation einstellen, ist der Spagat für den sensiblen Sänger zuviel. Seine Epilepsie verschlimmert sich. Nach einem schweren Anfall erhängt er sich in seinem Wohnhaus. Corbijn zeichnet das Bild eines Ian Curtis, der an den Widersprüchen zwischen bürgerlichem Familienleben und den Träumen einer poetischen Existenz zerbricht: When the routine bites hard/And ambitions are low/And the resentment rides high/But emotions wont grow – so beginnt der kommerziell erfolgreichste Song der Band, „Love Will Tear Us Apart“ .

Corbijn sagt, der Film sei seine letzte Arbeit, die von den Obsessionen der eigenen Jugend beeinflusst sei. Er hoffe, mit diesem Kapitel jetzt abgeschlossen zu haben und sich der Zukunft zuwenden zu können. Kürzlich ist er wieder zurück nach Holland gezogen. Sein Film ist auch ein Film über den Abschied, über die Notwendigkeit weiterzugehen. Oft bedeutet das die Negation der Vergangenheit. Corbijn ist es gelungen, ihre Schätze zu bewahren.

"Control" läuft am 10. Januar in den deutschen Kinos an.

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