Den ersten Hochrechnungen vom Sonntag zufolge wird Mikheil Saakaschwili eine absoluten Mehrheit von 55 Prozent erreichen. Das teilte die Wahlleitung in Tiflis mit. Der Herausforderer Lewan Gatschetschiladse zweifelte die Zwischenergebnisse an und bezeichnete die Opposition als wahren Sieger der Präsidentenwahl. Im Zentrum von Tiflis kamen am Nachmittag etwa 10 000 Anhänger der Opposition zusammen, um gegen den sich abzeichnenden Sieg Saakaschwilis zu protestieren. Internationale Beobachter äußerten sich trotz offenkundiger Mängel weitgehend positiv über den Verlauf der Wahl.

Georgiens politische Krise aber wird sich auch nach Einschätzung der Expertin Dani Tabukaschwili nicht entspannen, sollte Michail Saakaschwilis Sieg offiziell werden. «Die Opposition wird sich mit der Niederlage nicht zufriedengeben», sagte die unabhängige Politologin in Tiflis. Mit Blick auf die ersten Massenproteste nach dem Ausgang der Wahl sagte sie am Sonntag, dass es bisher allerdings wenig Hinweise auf eine Wiederholung der Polizeigewalt von Anfang November gebe.

«Die Menschen sind nicht mehr so mutig wie noch vor ein paar Wochen, als sie von der Polizeigewalt völlig überrascht und eingeschüchtert wurden. Saakaschwili hat auch angedroht, wieder Sicherheitskräfte einzusetzen», sagte Tabukaschwili. Gegen gewaltsame Auseinandersetzungen spreche derzeit auch, dass Saakaschwili auf die wesentlichen Forderungen der Opposition nach Neuwahlen und einem Programm zur Verbesserung des Lebensstandards eingegangen ist.

Die Regierungskritiker verstünden es aber weiterhin sehr gut, die Menschen zu mobilisieren, gab Tabukaschwili zu bedenken. Saakaschwili biete mit seiner zunehmend autoritären Politik und der Stärkung seiner eigenen Machtbefugnisse zulasten des Parlaments viele Angriffspunkte. «Die Gefahr von Unruhen bleibt.»

Andererseits sähen viele Wähler in Saakaschwili das «kleinste Übel unter den insgesamt sieben Kandidaten». Zudem habe der bisherige Staatschef als einziger ein richtiges Programm gehabt - «und sehr viel Geld für den Wahlkampf ausgegeben», führte die Wissenschaftlerin aus. Wie keinem Politiker vor ihm sei es Saakaschwili bisher gelungen, vor allem auch die Minderheiten in der Kaukasusrepublik zu einen. «Er gewann viele Stimmen in Westgeorgien, weil ihm die Menschen an der Grenze zu Abchasien zutrauen, die abtrünnige Region mit Georgien zu vereinen.»

Mit seiner antirussischen Politik treffe Saakaschwili zudem zunehmend den Nerv der Bevölkerung, «auch wenn viele Kritiker Saakaschwili inzwischen als Marionette des Westens und insbesondere der USA bezeichnen», sagte Tabukaschwili.