ZEIT Online: Herr Asche, Beobachter befürchten ein Blutvergießen in Kenia. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Helmut Asche: Es ist schwierig abzusehen, wie sich die Lage weiter entwickelt. Die Situation kann in dauerhafte ethnische Unruhen eskalieren. Ob das zu vermeiden ist, wird sehr stark von der internationalen Gemeinschaft, einschließlich der Afrikanischen Union, abhängen – also davon, ob sie in der Lage ist, eine Neuauszählung der Stimmen und gegebenenfalls Neuansetzung der Wahl zu forcieren. Wenn das nicht geschieht, sehe ich schwarz, weil der amtierende Präsident im Grunde gar nicht kompromissfähig ist.

ZEIT Online: Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Kenia galt bis vergangene Woche als relativ stabil.

Asche: Stabil war Kenia nur in dem Sinne, dass es nie einen erfolgreichen Militärputsch gegeben hat. Ansonsten haben die „Große Korruption" – die Ausnutzung höchster politischer Ämter zur massiven persönlichen Bereicherung –, extreme Kriminalität, wiederkehrende ethnische Spannungen und die politischen Morde immer das Bild in Kenia bestimmt. Rund um alle vier halbwegs demokratischen Wahlen, die es seit 1992 gegeben hat, ist es zu schweren ethnischen Unruhen gekommen. Speziell unter dem früheren Präsidenten Arap Moi, der jetzt Kibaki unterstützt, wurden diese Spannungen gezielt geschürt, um die Wahlergebnisse in eine bestimmte Richtung zu drücken. Insofern erstaunt es mich immer wieder, dass Kenia derart als politisch stabiles Land wahrgenommen wird.

ZEIT Online: Das heißt, das große Konfliktpotenzial ist in erster Linie auf die ethnischen Spannungen zurück zu führen?

Asche: Der Urgrund der Konflikte sind Armut und eine selbst für Afrika enorme Ungleichheit. Das lässt sich leicht ethnisch instrumentalisieren. Seit der Unabhängigkeit, wenn nicht bereits davor, gab es in der politischen Klasse eine gewisse Dualität. Schon der erste Präsident Jomo Kenyatta, der sich als Vater der ganzen Nation gerierte, hat ganz gezielt die Interessen seiner Ethnie, der Kikuyu, vertreten. Diese ethnisch bestimmte politische Doppelmoral hat das Leben des Landes immer schon charakterisiert.

ZEIT Online: Droht ein Bürgerkrieg?

Asche: Die Gefahr ist reell, wenngleich nicht so hoch wie vergleichsweise in Ruanda 1994 oder in der Elfenbeinküste 2002. Aber das Risiko ist nicht von der Hand zu weisen, insbesondere wenn es nicht rasch eine international koordinierte Lösung gibt.

ZEIT Online: Wie könnte eine solche aussehen?

Asche: Es muss eine international kontrollierte Neuauszählung der Stimmen oder Neuwahlen geben, falls sich das jetzige Wahlergebnis, das ja offenbar nur zu Ungunsten des amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki ausfallen kann, nicht wahrheitsgetreu rekonstruieren lässt.