Europas mutigster Monarch ist in der Defensive. Juan Carlos I. de Borbón, der Mann, der sich nach dem Tod des Diktators Franco im November 1975 und zum Entsetzen der damals herrschenden Gerontokratie daran machte, den autoritären Führerstaat in eine moderne Demokratie zu transformieren, sieht sich in der vierten Dekade seiner Regentschaft ungewohnter Missgunst und Kritik ausgesetzt. Die wachsende Spannung zwischen den politischen Lagern, die seit dem Regierungswechsel 2004 zu beobachten ist, fordert auch vom überparteilichen Königshaus ihren Tribut.

Über die Existenz der neuen antimonarchistischen Strömung täuschen weder die gesammelten objektiven Würdigungen noch die höfischen Huldigungen zum 70. Geburtstag Juan Carlos hinweg. Im spanischen Volk dagegen erfreut sich der Jubilar unverändert großer Beliebtheit.

Beigetragen hat dazu sicherlich sein jüngster Auftritt auf dem iberoamerikanischen Gipfel in Santiago de Chile. Dort hatte der König den venezolanischen Staatschef Hugo Chávez in öffentlicher Sitzung aufgefordert, den spanischen Ministerpräsidenten nicht ständig zu unterbrechen („Por qué no te callas?“, etwas zugespitzt übersetzt: „Warum hältst du nicht die Klappe?“). Der Satz wurde zum Hit bei Youtube, als Klingelton für Mobiltelefone ist er in Spanien seither mehr als eine Million mal herunter geladen worden.

Doch das ändert nichts an den Stimmungsausschlägen gegen den König und seine Familie, was im Palast genau registriert und von seriösen Kommentatoren durchaus ernst genommen wird. Von einer Krise wie im Fall der britischen Queen nach dem Tod von Lady Diana kann zwar bei weitem nicht die Rede sein. Aber Spanien ist anders und die Monarchie nicht so verwurzelt wie im Vereinigten Königreich. In Madrid braucht es weniger, um die Betroffenen nervös zu machen. Immerhin gehörte der Sturz der Monarchie im Jahr 1931 zum Vorspiel des Bürgerkriegs, der schließlich 1939 Francos Herrschaft etablierte. Und man ruht sich in Spanien gern auf der Gewissheit aus, dass die Monarchie, wie Juan Carlos sie repräsentiert, die beste Garantie für die demokratische Stabilität ist. Freilich: Wer daran rüttelt, so der Umkehrschluss, könnte auch die Demokratie wieder ins Wackeln bringen, womöglich zum Einsturz.

Alpträume von Demokraten, jedoch nicht Teil der Wirklichkeit. Die Zeichen dafür, dass manche rütteln wollen, sind seit einiger Zeit unübersehbar. Radikale Separatisten – Basken, Katalanen – verbrennen spanische Flaggen und Symbole der Monarchie. Das sind zwar Einzelfälle, doch sie finden Beachtung und immer wieder Nachahmer. Linksbürgerliche Kreise kritisieren die Kosten des Königshauses für den spanischen Staat, so gering sie auch sind im Vergleich zu London, den Haag, Stockholm, und verknüpfen sie mit der populistischen Frage, wozu der Aufwand überhaupt gut sei: „Was machen die eigentlich, außer Empfänge zu geben, Hände zu schütteln und in der Welt rumzureisen?“ Genährt wird diese Stimmungsmache durch erfundene Geschichten, ungeprüfte Gerüchte und schlechte Nachrichten aus der königlichen Familie, wie angebliche Probleme in der Ehe des Thronfolgers Felipe oder die tatsächliche Trennung der Tochter Elena und ihres Banker-Gatten.

Daneben gibt es die demokratisch legitimierte Monarchiekritik. Die mildere Version stößt sich an der nach wie vor gesetzlich festgelegten männlichen Erbfolge. Überzeugte Republikaner stört darüber hinaus natürlich das dynastische Prinzip der Monarchie überhaupt: Sie wollen stattdessen einen gewählten Präsidenten wie in anderen Republiken. Die härteste und gefährlichste Kritik kommt aber von der spanischen Rechten. Sie reicht vom Mehrheitsmilieu der Volkspartei (PP) bis zu den ewiggestrigen Verehrern und Verklärern Francos. Sie mögen keine Antimonarchisten sein, aber sie sind entschiedene Anti-Juancarlisten. Sie sehen in dem leutseligen Bürgerkönig einen Sympathisanten der Linken und des verhassten – politisch in Spanien nicht organisierten – europäischen Liberalismus und der Aufklärung.