Im Dezember 1984 betrat Bernard Hugo Goetz, ein 37-jähriger Ingenieur aus der Bronx, in der Station 14th Street eine U-Bahn der Linie 2 und setzte sich in die Nähe von vier jungen schwarzen Männern. Als der Zug anfuhr, standen die vier auf und umringten ihn. Einer von ihnen, Troy Canty, sagte: „Gib mir fünf Dollar.“ Goetz entgegnete: „Wie bitte?“ Und Canty wiederholte die Worte. Daraufhin stand Goetz auf, zog einen Smith & Wesson-Revolver aus seiner Jacke und feuerte binnen Sekunden fünf Kugeln auf die Männer. Später sagte er, er sei dermaßen unter Adrenalin gestanden, dass er nichts mehr gehört oder gesehen habe.

Zwei Frauen fielen in Ohnmacht, die anderen Passagiere flohen in den nächsten Wagen. Kurz nach der Schießerei kam der Schaffner in das Abteil, wo Goetz und die vier Verwundeten waren, und forderte den Schützen auf, seine Waffe auszuhändigen. Der weigerte sich und sagte, die vier hätten versucht, ihn zu berauben. Als die U-Bahn hielt, verließ Goetz den Zug. Mit einem Mietwagen floh er nach Vermont, wo er die Waffe vergrub, stellte sich aber eine Woche später in New Hampshire der Polizei.

Drei der vier Männer erholten sich wieder, nur einer, Darrell Cabey, blieb gelähmt und hatte einen Hirnschaden. Goetz kam vor Gericht. Nach mehreren Instanzen wurde ihm Notwehr zuerkannt — die vier hatten gestanden, sie hätten ihn berauben wollen — und Goetz musste nur wegen illegalen Waffenbesitzes für acht Monate in den Bau. Vor Gericht sagte er, er sei in der U-Bahn schon mehrmals von schwarzen Jugendlichen überfallen, beraubt und verletzt worden. Seitdem trage er eine Waffe.

Der Fall erregte die Gemüter von Hawaii bis Kanada. Praktisch alle Weißen stellten sich vor Goetz. Spendenkonten wurden für ihn eröffnet, Zehntausende von Hörern riefen beim Radio und bei Fernseh-Talkshows an, um ihre Solidarität und ihre Wut zu erklären. „Es gibt ein umfassendes Gefühl von Frustration und Ärger über die Kriminaljustiz“, sagte der CNN-Moderator Dave Walker. „Und jetzt haben die Leute in Goetz einen Helden gefunden.“ Viele Schwarze fühlten anders. Reverend Al Sharpton, ein nicht restlos seriöser Bürgerrechtler und Prediger — nach ihm hat Tom Wolfe die Figur des Reverend Bacon im Fegefeuer der Eitelkeiten geschaffen — organisierte eine Demonstration für Goetz’ Verurteilung.

Der Fall Goetz war der Beginn einer Wende. Ed Koch war damals Bürgermeister, unter ihm stieg die Verbrechensrate mit 174.548 Gewalttaten auf eine nie gekannte Zahl. Koch sagte damals, Selbstjustiz werde nicht geduldet. Allerdings könne er Goetz verstehen. Auch er sei frustriert. Ende 1989 musste Koch, auch von Korruptionsskandalen gebeutelt, abtreten. Erst seit 1991, als die Polizei auf den Straßen verstärkt wurde und die Gerichte strenger urteilten, sank die Rate der Gewaltverbrechen.

Es gibt ein paar Lehren aus dem Fall Goetz; eine davon ist, dass ein Staat nicht grenzenlos zugucken kann, wenn Verbrechen überhandnehmen, sonst macht er sich überflüssig. Eine andere ist, dass Selbstjustiz letztlich nicht gewollt ist. New York hat heute nicht nur wenig Kriminalität, sondern auch eines der schärfsten Waffengesetze der USA. Wer heute U-Bahn fährt, kann sich darauf verlassen, dass einem der Banknachbar bei Ärger beispringt, allerdings auch darauf, dass an der nächsten Station die Polizei in Mannschaftsstärke auftaucht und die üblichen Verdächtigen verhaftet.