Bill Kristol? Der Bill Kristol? Zunächst glaubt mancher an einen Scherz. William Kristol, einer der führenden Neokonservativen und Irakkriegsbefürworter, geht zur New York Times , wo er ab dem 7. Januar eine wöchentliche Kolumne verfassen wird. Nun steht die Linke Kopf. Die Drehbuchautorin Nora Ephron forderte in der Huffington Post , Kristol zu feuern. Joseph Palermo, Cornell-Professor und ebenfalls HuffPo -Blogger, schrieb: "Kristol war Cheerleader jeder gescheiterten, mörderischen Politik, die sich die Plutokraten und Günstlinge der Bush-Cheney-Beltway-Clique ausgedacht haben." David Corn, Korrespondent des linken Magazins The Nation machte Kristol für den Irakkrieg und die Lügen um die Massenvernichtungswaffen verantwortlich. Und Marc Crispin Miller, Medienprofessor der New York University, bezeichnete ihn gar als "faschistisch".

Erstaunlich ist aber eher, dass die Times mit Kristol jemanden engagiert hat, der noch vor gut einem Jahr gesagt hatte, die Times sei keine erstklassige Zeitung. Er forderte damals sogar, die Times solle vom Staatsanwalt angeklagt werden. Denn die Zeitung habe mit der Veröffentlichung eines Artikels über die geheimdienstliche Überwachung von Bankbewegungen Geheimnisverrat begangen. Überdies ist Kristol Herausgeber des Weekly Standard , die dem Times -Konkurrent Rupert Murdoch gehört, und er tritt auch im Murdoch-eigenen TV-Sender Fox News als Experte auf.

Engagiert wurde Kristol von Andrew Rosenthal, dem Leiter der Meinungsredaktion (und der Sohn des langjährigen Times -Chefredakteurs A. M. Rosenthal), der direkt dem Verleger Arthur Sulzberger Jr. untersteht. Rosenthal verteidigte das umstrittene Engagement mit den Worten, er verstehe diese "seltsame Angst vor Standpunkten nicht, die man nicht teile." Kristol sei ein seriöser, respektierter, konservativer Intellektueller. Ohnehin ist Kristol nicht der erste Neokonservative bei der Times - von den neun Kommentatoren werden drei dieser Bewegung zugerechnet.

Freilich: Kristol ist schon ein anderes Kaliber als bloß ein umstrittener Kolumnist. Kristol ist der Sohn von Irving Kristol, der als geistiger Vater der Neokonservativen gilt, eine Bewegung, deren Credo amerikanische Stärke im Bündnis mit Israel ist. Einige Mitglieder waren ursprünglich Marxisten oder Trotzkisten, heute stehen sie im politischen Spektrum eher den italienischen Neofaschisten nahe. Beide Kristols waren Wissenschaftler beim konservativen Think Tank American Enterprise Institute.

Kristol - der selbst niemals beim Militär war - ist auch der Vorsitzende des Project for The New American Century , eine Organisation, die ebenfalls eine starke amerikanische Führung der Welt propagiert und die sich schon 1998 für einen Krieg gegen den Irak ausgesprochen hat. Zu den PNAC-Unterstützern zählen der frühere Pentagonchef Donald Rumsfeld und sein Vize Paul Wolfowitz sowie mehrere hochrangige Beamte und Berater aus dem Dunstkreis der Bush-Regierung wie John Bolton, Elliott Abrams, Richard Armitage, Richard Perle sowie der Giuliani-Berater Norman Podhoretz. Bekannt wurde PNAC mit einem Strategiepapier vom September 2000 unter dem Titel Rebuilding America's Defenses , in dem ein starkes amerikanisches Militär und eine mutige Außenpolitik gefordert werden, um US-Prinzipien im Ausland durchzusetzen. Dies könne, hieß es, von einem "neuen Pearl Harbor" beschleunigt werden. Dies war eine Formulierung, die nach 9-11 Verschwörungstheoretiker in ganz Amerika erregte. Kristol ist auch im Aufsichtsrat des konservativen Think Tanks Manhattan Institute und er ist als Experte beim anti-arabischen Middle East Forum von Daniel Pipes geführt, der seinerseits dem American Enterprise Institute und PNAC nahesteht.