Schwer ist das Abtreten: Als die Moderatorin zum Schluss kommen will und Michael Naumann, der SPD-Spitzenkandidat aus Hamburg, schon erleichtert in sich hineinlacht, weil die anstrengende Auftaktveranstaltung zum Bürgerschaftswahlkampf vor so vielen Menschen bald vorbei ist, dreht Gerhard Schröder noch einmal richtig auf. „Wenn ich das noch erzählen darf“, unterbricht er die Abmoderation. Und dann erzählt er von den rot-grünen Koalitionsverhandlungen 2002. Die seien fehlerhaft gelaufen, weil sie nahtlos an den Wahlkampf angeknüpft hätten. Seinem Freund Naumann rät er deshalb, vor möglichen Koalitionsverhandlungen erst einmal eine Woche Urlaub zu machen, um Kraft zu sammeln und auf frische Gedanken zu kommen.

Kraft sammeln, frische Gedanken? Spricht der Altkanzler nicht insgeheim auch ein bisschen über sich selbst – über seine augenblickliche Gemütslage? Jedenfalls ist er derzeit auf der innenpolitischen Bühne so präsent wie seit dem Ende seiner Kanzlerschaft nicht mehr. Schröder macht Wahlkampf, Schröder streitet mit der Union, Schröder lobt sich und seine Regierungsära – das alles kommt einem sattsam bekannt vor, nur eben nicht aus den vergangenen beiden Jahren. Da war der Altkanzler mehr oder weniger im Ausland abgetaucht, beschäftigt mit seinen diversen Lobbyisten-Verträgen. Nur zur Präsentation seiner Biografie ließ er sich mal kurz bei Kerner und Bild blicken.

Nun gibt Schröder sein Comeback, auf der sozialdemokratischen Parteibühne. Das hat mit persönlicher Freundschaft zu tun. Er unterstützt seinen alten Kulturstaatsminister Naumann in Hamburg, wie er es im vergangenen Frühjahr versprochen hat. Aber auch dem niedersächsischen Spitzenkandidaten Wolfgang Jüttner, von dem er nie viel gehalten hat und der, wie die hessische SPD-Spitzenfrau Ypsilanti, seine Reformagenda früher kritisiert hat, ist er am Wochenende zur Seite gesprungen.

Doch es ist nicht nur ein Freundschaftsdienst für Naumann und die Partei. Schröder sprüht wie früher vor Energie. Beim Reden wippt er hinterm Pult bei jedem Wort mit. Er steht auf Zehenspitzen, sein Kopf ist rot und nach vorn gebeugt, er schreit förmlich in das Auditorium. Und das Publikum dankt die Energieleistung. Jede Pointe wird belacht, jeder Satz beklatscht. Schröders Tremolo und der Applaus pushen sich gegenseitig hoch.

Dabei sind es nicht einmal unbedingt Schröders Worte, die die Zuhörer derart in Begeisterung versetzen: „Chancen für alle – das ist gerecht!“ Den gleichen, nicht besonders originellen Satz hat Michael Naumann in seiner Ansprache zuvor sinngemäß mindestens dreimal gesagt. Allerdings hat Naumann ihn abgelesen und dabei die Betonung versemmelt. Neben Schröder wirkt er wie ein Intellektueller, der sich in die Politik verirrt hat. Als Schröder dann den Satz ausstößt, die Vokale langgezogen, die s-Laute schneidend scharf, mit gewaltigem Gestus, brandet ein Applaus auf, als habe er die Sozialdemokratie gerade neu erfunden.

Schröder ist noch immer das beste Zugpferd, das die SPD hat. Das Hamburger Kongresszentrum, in dem die Veranstaltung an diesem Dienstagabend stattfindet, ist proppenvoll. Der große Saal reicht nicht für den riesigen Andrang, selbst Stehplätze gibt es bald nicht mehr. Hastig werden im Foyer Stühle aufgestellt. „So viel war hier schon seit Jahrzehnten nicht mehr los zu einem Wahlkampf-Auftakt“, sagt ein hanseatischer Parteisekretär.