Seit Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust von einem möglichen Bündnis seiner CDU mit den Grün-Alternativen in der Hansestadt sprach, befassen sich Medien und Politik einmal mehr mit dieser neuen Variante im politischen Farbenspiel. Schon seit Langem beschäftigt diese bislang nur virtuelle Koalitionsoption die politische Fantasie in Deutschland. Man kann das ja auch gut begreifen. Schließlich verspricht eine schwarz-grüne Kopulation Stoff für neue Partnerschaften, neue Ideen und neue Konflikte. Und die Mediengesellschaft braucht bekanntermaßen diese Stimulanz, den Kick des immerfort Neuen.

Allerdings dürfen es die Politiker mit koalitionspolitischen Quirligkeiten und flotten Rochaden nicht übertreiben. Wähler schätzen es nicht, wenn allein taktische Motive die politischen Allianzen motivieren; ganz so weit her ist es mit der vielzitierten Volatilität des „Souveräns“ nämlich nicht. Das zwingt die kühlen Machiavellisten mit ernster Miene den Weihrauch der „programmatischen Schnittstellen“ zu schwenken. Immer wieder führen daher seit nunmehr 20 Jahren die Protagonisten einer schwarz-grünen Kooperation wertekonservative Gemeinsamkeiten an. Sie sprechen von der Bewahrung der Schöpfung, der Subsidiarität, der Selbstverantwortung des Individuums, dem Schutz einer intakten Heimat, die allesamt christliche Union und Ökopartei verbänden.

Doch eine veritable Schubkraft für reale schwarz-grüne Bündnisse löst der Kanon von erhabenen Grundwerten und wolkigen Philosophien natürlich nicht aus. Entscheidend ist letztlich stets Handlungsdruck der machtpolitischen Arithmetik, wie auch jetzt wieder wenige Wochen vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg. So war die Union auch schon während der 1990er Jahren immer dann am ehesten offen für schwarz-grüne Planspiele, als die FDP aus den Landtagen flog und für die CDU als bis dahin einziger Koalitionspartner ausfiel. Die Grünen wiederum haben spätestens 2005 final erfahren, dass sie die großen Verlierer einer einseitigen Anbindung an die SPD sind. Und so werfen sie zwar noch scheue, aber erkennbar neugierige, in Einzelfällen auch bereits begehrliche Blicke auf die andere Seite des politischen Spektrums.

Für ambitionierte Strategen, die in langen geschichtlichen Perspektiven argumentieren, handelt es sich bei Schwarz-Grün um nicht weniger als einen historischen Kompromiss, mehr noch: um die Vereinigung des deutschen Bürgertums nach vier Jahrzehnten innerer Generationenkämpfe. In der Tat sind mittlerweile die hochemotionalisierten innerbürgerlichen Auseinandersetzungen der 60er/70er Jahre, welche die Alterskohorten gespalten und politisch gegeneinander getrieben hatten, weitgehend beigelegt. Die unversöhnlich antisozialistischen Frontmänner der alten CDU sind nicht mehr da. Und die Grünen sind älter, arrivierter, mittiger geworden. Aus Studenten der Soziologie, Latzhosenträgern, Bauplatzbesetzern und Häuserkämpfern sind mittelalte Studiendirektoren und Eltern von pubertierenden Kindern geworden, überdies Liebhaber edler Weine und teurer Urlaubsreisen. Gut situierte Bürger also, die während der abendlichen Entspannungsstunden Dylan und Doors ebenso hören wie Mozart und Schubert.

Insofern unterscheiden sie sich alltagskulturell von gleichaltrigen Christdemokraten kaum noch. Im bürgerlichen Habitus und Stilempfinden sind sie sich einander vielleicht sogar ähnlicher als Grüne und Sozialdemokraten, da letztere die Unsicherheit sozialer Aufsteiger vielfach nicht ablegen können, oft zu dröhnend, zu nassforsch, zu parvenuhaft auftreten. So jedenfalls wird es gerne ein wenig süffisant unter jüngeren Abgeordneten der Grünen kolportiert.

In der Tat: Keine Partei ist, soziologisch betrachtet, bürgerlicher als die Grünen. Ihre Anhänger verdienen in Deutschland das meiste Geld; ihre Wähler verfügen über die höchsten Bildungsabschlüsse; ihre Sympathisanten urlauben häufiger und reisen weiter als alle anderen. Die Grünen sind die Partei bestausgebildeter Beamter und Angestellter im höheren öffentlichen Dienst. Bei der Europawahl 2004 belegten die Grünen in der Gruppen der Selbstständigen den zweiten Platz, hinter der Union. Dagegen schneidet keine Bundestagspartei in den Quartieren der Arbeiter und Arbeitslosen so schlecht ab wie die Postmaterialisten.