Zu den großen amerikanischen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts ist Ring Lardner zu rechnen, ein Name, der heute nur noch Wenigen bekannt ist. Aufmerksamen Lesern des Fänger im Roggen mag eine Erwähnung Lardners aufgefallen sein, da dessen Protagonist Holden Caulfield ihn zu seinen Lieblingsautoren zählt. JD Salinger schätzte Lardner, darin mit F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway einig, ebenso mit Virginia Woolf oder Terry McMillan. Berühmtheiten also, man könnte sie auch maliziös "Großschriftsteller" nennen, und bittesehr: Was fanden sie an dem Sportreporter und Verfasser von ein paar Dutzend Kurzgeschichten?

Als Humorist wird er gelegentlich geführt, doch die wenigen Fotos, die es von ihm gibt, zeigen einen ernst dreinblickenden Mann mit scharfen Gesichtszügen; auf einem trägt er, hinter der Schreibmaschine sitzend und mit Zigarette im Mundwinkel, einen hellen Hut mit flacher Krempe, ganz der Journalist der 20er Jahre, doch was von ihm bleibt, sind eben diese Kurzgeschichten. Sie sind von bitterem Humor gefärbt, zuweilen sogar komisch (dann erinnert er an Mark Twain, der Komik oft durch konsequente Übertreibung von Alltagsphänomenen erreichte) - doch meist friert dem Leser das Schmunzeln ein, denn in der Komik bricht sich Verzweiflung Bahn.

Ein paar seiner Geschichten handeln von Streichen, die Menschen einander aus purer Bosheit spielen, die Opfer sind meist die Guten, die noch als begossene Pudel ihre Würde nicht verlieren; in den besten Momenten erscheint uns Lardner dann als Vorläufer von T.C. Boyle. Oft lässt der Autor Leute aus dem Volk als Erzähler auftreten, und in der Brechung durch Slang und Idiosynkrasie wirkt Trauriges dann beinahe lustig, doch immer nur beinahe.

Genüsslich nimmt Lardner den Gegensatz von Getue und Tat auseinander, von Anspruch und Wirklichkeit, Phrase und Wahrheit, wo immer er ihn entdeckt, rauf und runter auf der ganzen sozialen Skala. Ehen, Partnerschaften, Freundschaften, Nachbarschaften, lakonisch seziert der gut beobachtende Journalist die Mikrosoziologie Amerikas, die Zwänge und die Heuchelei, vor allem die des Kleinbürgertums.

Seine Stories rund um Baseball sind etwas für Experten, alle andere aber zugänglich für jedermann. Das erwähnte Foto mit der Schreibmaschine ziert den Band Ring Lardner - Best Short Stories (Collier 1993); es war mein Grund, das Buch zu kaufen. Es gibt noch weitere erhältliche Sammlungen. Übersetzungen existieren ebenfalls, aber das Spiel mit dem Slang können sie nicht wiedergeben.

Sein richtiger Name war Ringgold Wilmer Lardner, er lebte von 1885 bis 1933. Lardner trank viel, zu viel, nur nicht beim Schreiben. Es ist nicht die schlechteste Idee, während der Lektüre harten Getränken zuzusprechen.