"Die Zeit ist gekommen". Immer wieder ruft Barack Obama diesen Satz in dieser Nacht. 38 Prozent bei der ersten Kandidaten-Kür im US-Präsidentschaftswahlkampf – selbst seine Fans hatten nicht so viel erwartet. "Die Zeit ist gekommen" – damit meint der 46-jährige charismatische Senator nicht nur das Ende der Ära von Präsident George W. Bush. Ohne es eigens zu sagen, hat er damit vor allem eins im Auge: Die Zeit für den ersten schwarzen Präsidenten der USA. Doch Beobachter warnen - noch ist das Rennen völlig offen.

Stärkste Widersacherin ist Hillary Clinton (60). Kühl und routiniert meistert es die frühere First Lady nach der Abstimmung in Iowa, ihre Enttäuschung zu überspielen, die Niederlage schönzureden. "Dies ist eine große Nacht für die Demokraten", sagt sie. Unter 30
Prozent, gleichauf mit dem Rivalen John Edwards, das schmerzt. Doch Strategin Clinton kann sich damit trösten, dass sie in landesweiten Umfragen immer noch vorn liegt. Zwar ist ihr Stern am Sinken; noch im Herbst galt sie praktisch als unbesiegbar. Doch dass sie weitermachen wird, steht für sie außer Frage, und der nächste "Kampf der Giganten" ist bereits in der nächsten Woche, am 8. Januar mit der ersten Vorwahl im Neuengland-Staat New Hampshire.

Es ist dies die Nacht der Überraschungssieger. Auch bei den Republikanern hat kaum jemand mit einem derart klaren Sieg des Ex-Gouverneurs und Außenseiters Mike Huckabee (52) gerechnet. Noch vor ein paar Monaten meinten Spötter, wer einen so lustigen Namen hat, könne nicht Präsident werden. Von Huckabee war nicht viel mehr bekannt, als dass er sich auch als Baptistenprediger betätigte, in einer Gewaltkur 45 Kilogramm abspeckte und nur über wenige Wahlkampfgelder verfügte. "Jetzt haben wir gelernt, dass die Menschen wichtiger sind als die Brieftasche", triumphiert Huckabee in der Wahlnacht. Von seiner Frau meint er schon, sie werde "eine wunderschöne First Lady". Doch ob Huckabee, der noch vor ein paar Jahren dafür war, Aids-Kranke in Lagern zu isolieren, für seinen streng konservativen Kurs in den ganzen USA auf so große Unterstützung stößt, ist mehr als fraglich.

"Der Weg ins Weiße Haus ist noch sehr, sehr lang", meinen die Kommentatoren. Schätzungen zufolge gingen in Iowa lediglich gut 200.000 Demokraten und 80.000 Republikaner in die Versammlungshallen. Zwar wird immer wieder die "Dynamik" beschworen, die von einem Sieg in "Bauernstaat" Iowa ausgehe - doch immerhin sind Bill Clinton und Ronald Reagan Präsidenten geworden, obwohl sie in Iowa teilweise blamable Niederlagen erlitten.

Am nächsten Dienstag wird es ernst, sagen die Wahlkampfstrategen aller Couleur voraus. Zwar zählt New Hampshire ebenfalls nicht zu den bevölkerungsreichen und damit letztlich entscheidenden Staaten für die Kandidaten-Kür. "Aber falls Hillary (Clinton) dort Obama nicht stoppt, wird dieser als demokratischer Kandidat nominiert werden", zitiert die New York Times den Experten Robert Shrum. "Visionär gegen Politprofi", "Neuerer gegen Exponent des alten Systems", lauten die Schlagzeilen über das Rennen der beiden.