Auf die Frage eines Küstenschutz-Piloten, ob ihm die Vorfahrtsregeln im Kanal bekannt seien, soll der Kapitän eines vom Kurs abgekommenen Großtankers zurückgefunkt haben: „Natürlich. Wer aus dem Atlantik in Richtung Nordsee fährt, hält sich rechts. Wer von Norden entgegenkommt, hält sich links.“

Nach den alljährlichen Kollisionen in der geschäftigsten Wasserroute der Welt ist diese Geschichte, wenn schon nicht wahr, zumindest sehr gut erfunden. Rund 350 Schiffe durchqueren die an der schmalsten Stelle nur 33 Kilometer breite Wasserstraße Tag für Tag. Gleichzeitig aber streben in der Hauptreisezeit mehr als 200 Fährschiffe von einem Ufer ans andere. Hinzu kommen unzählige Fischdampfer, Vergnügungssegler und Motorboote.

Teile des Kanals sind gar nicht befahrbar. Beim Leuchtschiff South Goodwin etwa schaut eine Sandbank bis zu zwei Metern aus dem Niedrigwasser. Schlimmer ist, daß sie bei Hochflut nur knapp drei Meter unsichtbar unter Oberfläche dräut.

Geologisch ist der Kanal eine abgesunkene Grube zwischen den britischen Inseln und dem Kontinent. An der schmalsten Stelle ist die Rinne nicht breiter als achtzig bis neunzig der heutigen Supertanker, Bug an Heck aneinandergelegt. Ein behender Fußgänger macht das in acht Stunden. Ungefähr da steht auch der Schwimmrekord. Auf ihre knapp zweistündigen Überfahrten brauchen sich daher die modernen Fähren von heute nichts einzubilden.

Im Kanal treffen eine Strömung von Nordost und eine aus Südwest zehn bis fünfzehn Kilometer östlich der gedachten Linie Dover-Calais, also beim Hauptpassagierverkehr, zusammen. Jeder Fährenkapitän weiß das, aber kaum einer der Passagiere. Der Kanal hat sein eigenes Temperament. Er ist wie Anna Magnani: gutmütig, sogar attraktiv, wenn einem der Typ liegt – doch in aufgeregtem Zustand unbedingt zu meiden.

Langjährige Kanal-Überquerer kennen gewisse Faustregeln. Die Mitte des Kanals zum Beispiel liegt dort, wo die mitgeflogenen Möwen umkehren. Bei drei Vierteln der Strecke kommen dann die Vögel der anderen Seite heran. Nur Romantiker glauben, Möwen flögen mit Fähren, weil es ihnen Spaß mache. Sie sind vielmehr auf die Küchenauswürfe achtern versessen.

Gefahr herrscht immer dann, wenn keine Möwen mitfliegen. Sie wissen: Dann wird nichts gegessen, also nichts gekocht, also nichts aus dem Schiff gekippt.

Den Kanal hat man bisher auf zehn Arten zu meistern gesucht. Schwimmen, Segeln, Rudern und Dampfen sind die klassischen Möglichkeiten der Überquerung. Neuerdings hüpft man per Hovercraft, gleitet per Hoverfoil, durchkämmt ihn fliegend per Jetfoil oder verläßt sich auf das konventionelle Flugzeug. Auch Ballon-Überquerungen sind überliefert, und der 39jährige Kenn Messenger war der erste, der an Gleitflügeln hängend aus 6000 Meter Höhe, wohin ihn ein Ballon in 15 Minuten gehievt hatte, binnen 45 Minuten am Drachen nach Frankreich schwebte.