Frankreich feiert Simone de Beauvoir, den ganzen Monat schon. Mit Sonderheften, Sondersendungen und Seminaren. Und vor allem mit einem Foto der Schriftstellerin. Es verhilft dem Nouvel Observateur seit Jahresbeginn zu gesteigerter Auflage und geharnischtem Protest. Ein Türspalt gibt den Blick auf eine nackte Frau frei, die sich im Bad zurechtmacht. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme mit der weichen Patina der frühen Jahre.

Darf man das? Eine müßige Frage in Zeiten nicht nur medialer Freizügigkeit. Darf der Nouvel Observateur das? Berechtigte Frage. Im Jahre 1971 erregte dasselbe Magazin ganz Frankreich, einschließlich seiner Gerichte, mit dem "Manifest der 343 Schlampen", einer feministischen Petition zugunsten der Abtreibung. Verfasserin: Simone de Beauvoir.

Der Skandal damals – und heute also "La scandaleuse" (so die Titelgeschichte in diesem Januar). Damals Debatte, heute Retusche – denn die Redaktion half mit einer Photoshop-Bearbeitung beim Nacktfoto etwas nach, dort, wo man die Beine der Beauvoir zu rundlich fand. Früher ging es dem linken Nouvel Observateur um den Geist, heute nurmehr um Glamour. Wen also meint "La scandaleuse" – die Beauvoir oder die geschönte Aufmachung, "la photo sur la une" ?

Geben wir es ruhig zu, wir fanden den intimen Durchblick anmutig, gar schön. Und machten uns gleichwohl unsere Gedanken, warum der 100. Geburtstag ausgerechnet in diesem Magazin just mit diesem Foto gefeiert wird. Vielleicht sehen wir da eine bislang unbekannte Trouvaille aus den Heldenjahren des Existenzialismus? Weit gefehlt, denn das Bild wurde von seinem Fotografen Art Shay bereits im Jahr 2000 in Album for an Age veröffentlicht. Ein biografisches Fundstück vielleicht, das der Beauvoir Verhältnis zu ihrem Körper erhellen hilft? Fromme Denkungsart, zumindest wenn man Art Shay glaubt, der in Le Monde und nun auch auf der Website des Nouvel Observateur haarklein die Umstände der Aufnahme erzählt.

Simone de Beauvoir habe 1952 – da war Le Deuxième Sexe , auf Deutsch im Jahr davor unter dem etwas irreführenden Titel Das andere Geschlecht erschienen, bereits ein Welterfolg und die Autorin die tonangebende Intellektuelle ihrer Zeit – den Sommer bei ihrem Geliebten Nelson Algren in Chicago verbracht. Shay erinnert sich: Sein Freund und Schriftsteller „lebte in einem übel beleumundeten Viertel Chicagos, in einem Appartment ohne Bad“. Shay hilft aus, eine Freundin verfügt über eine derartige zivilisatorische Einrichtung. Der Fotograf verfügt über eine Leica: "Sie hat meinen Auslöser gehört, sich umgedreht und lachend zu mir gesagt: Böser Junge! Sie war nicht zornig. Sie hatte, wie Nelson sagte, sehr freie Sitten."

Es gibt nur noch diesen einen Zeugen, und so wollen wir es so glauben, wie es der heute 85-jährige Shay erzählt, und glauben wollen wir auch zu gern die Geschichte vom verloren geglaubten Negativ, das sich erst nach dem Tode der Beauvoir wiederfand. Zurück also zur Kernfrage: Welcher Teufel hat die Redaktion des Nouvel Observateur eigentlich geritten? Vermutlich derselbe, der im vergangenen Jahr ein anderes "People"-Magazin dazu trieb, dem Präsidenten Nicolas Sarkozy beim Paddeln die Speckfalten wegzuretuschieren.

Schön müssen die medialen Helden sein, ob sie nun aus Hollywood kommen, sich in Chicago anziehen oder im Elysée-Palast kampieren. Schön, nicht wahr muss der Augenblick sein. Es zählt weniger, was die Helden sagen, sagen sollten oder geschrieben haben, als was sie zu zeigen haben an nackter Haut. Das ist der Augenblick, da die seriöse Presse herabsinkt zur Pornografie.