Hat Musik eine Hautfarbe? Ist es wahr, dass der zeitgenössische Indierock seine "schwarzen Wurzeln" gekappt und damit seine Seele verloren hat? Dies behauptete der amerikanische Musikkritiker Sasha Frere-Jones vergangenen Oktober im New Yorker . Immer seltener würden die Stile gemischt. Weiße Musiker bezögen sich nur noch auf andere weiße Musiker. Ausgangspunkt der Überlegungen war ein Konzert der umjubelten kanadischen Band Arcade Fire . Die Diskussion ging durch die Blogs und Internetforen, Kai Müller greift sie nun im Tagesspiegel auf und zitiert die Quelle: "Warum haben sich so viele weiße Rockbands von der ekstatisch-singenden Gitarre abgewandt, die die Stimme eines Bluessängers imitierte, wo ist der erdenschwere Downbeat des Reggae abgeblieben und wo die elaborierte Zurschaustellung, die schwarze Musik ein halbes Jahrhundert lang zum Vorbild machte?"

Die wichtigste Frage stellt Frere-Jones sich nicht: Greift diese These nicht etwas zu kurz? Wo ordnet er Bands wie The Dead 60s oder The Zutons aus Liverpool ein, die sich in ihren Stücken auf schwarze Musiktraditionen berufen. Was ist mit Grenzgängern wie Damon Albarns Gorillaz , The Good, The Bad & The Queen , Massive Attack oder Lambchop ? Was mit Vampire Weekend und The Foals ?

Kai Müller geht darauf nicht ein, aber er hält es für gefährlich, "Musik nach ihrer rassischen Durchmischung zu beurteilen (…). Es gibt weder weiße noch schwarze Musik, die sich als solche versteht. Sowohl schwarze Bluesmusiker wie Robert Johnson als auch weiße Country-Sänger bedienten sich desselben Legendenkreises für ihre Geschichten, hatten dieselben Akkordverbindungen, pflegten dasselbe Ritual aus Rede und Widerrede. Von Anfang an fand ein reger Austausch statt. Was black genannt wird, ist eine Zuschreibung – aber mit enormen sozialen und ästhetischen Folgen."

Richtig sei, dass die junge Rockmusiker-Generation für den zeitgenössischen R&B merkwürdig unempfänglich sei. "Dafür gibt es Gründe: Eine Entwicklungslinie in der Popkultur hat sich bewusst von den afro-amerikanischen Wurzeln losgesagt. In Deutschland stehen für diesen Bruch Kraftwerk und Can . In England sind es New-Wave-Pioniere wie Joy Division , deren Schlachtruf lautete: 'Welcome to the Ice Age'. Sie hatten sich einem Nihilismus und einer Kälte verschrieben, um sich von der verhassten Kulturindustrie abzugrenzen. Die Folgen dieser Politisierung sind bis heute spürbar."

Christian Werthschulte macht in der taz zur selben Zeit einen gegenläufigen Trend im Indierock aus: Afrika. Nach dem Retrosound der vergangenen Jahre orientierten sich immer mehr Bands an afrikanischen Rhythmen und Melodien. "Nachdem Indierocker in den letzten Jahren durch Kenntnis eigener Genrevergangenheit punkten konnten, muss nun ein neues Betätigungsfeld her. Praktisch, wenn es im Plattenladen ein Fach für Weltmusik gibt. Denn das neue Spielfeld für Indiekids ist Musik aus Afrika. Und wieder einmal zeigt sich: Als Projektionsfläche ist der Kontinent am beliebtesten." Die Bandnamen dazu lauteten: Suburban Kids With Biblical Names , The Foals und Vampire Weekend .

Paul-Philipp Hanske beschreibt in der Süddeutschen Zeitung ein anderes aktuelles Thema: Italo Disco. Im ewigen Einerlei der Wiederbelebungen hat es nun auch der verschmähte Disco-Kitsch der Siebziger zurück in die Gegenwart geschafft. Ein stilbildendes Label sei Italians Do It Better aus New Jersey. Mit den Projekten Glass Candy und den Chromatics habe die Plattenfirma alles, was nötig sei, um einen kleinen Pop-Hype loszutreten. "Begeisternde Sängerinnen, Melodien, die sich mit kleinen, gläsernen Widerhaken in die Gehörgänge einkrallen, vor allem aber diese geschickte Mischästhetik, die sowohl Freunde elektronischer Tanzmusik als auch Verteidiger des klassischen Poparrangements glauben lässt, sie bewegten sich jeweils auf eigenem Terrain."