Mit größerem Publikum hatten Gert Lindemann und Ursula Heinen am heutigen Montag offenbar nicht gerechnet, in der Berliner Wilhelmstraße. Und doch gaben sich die Staatssekretäre des Verbraucherministeriums nicht bloß "überrascht", sondern sogar "erfreut" über die rege Teilnahme an der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz - als sei die grüne Gentechnik nur am Rande von öffentlichem Interesse und die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln kein Verbraucherthema.

Was die Große Koalition gerade beschlossen hat, dürfte verunsicherte und verwirrte Verbraucher aber kaum weniger interessieren als die Bauern und Lebensmittelhersteller, die in erster Linie betroffen sind. Über zwei wesentliche Details des seit vier Jahren in der Novellierung begriffenen Gentechnikgesetzes sind sich Union und SPD am Sonntag nämlich einig geworden, nach wochenlangem Streit. Erstens darf die Bezeichnung "gentechnikfrei" künftig auch Produkte schmücken, die nicht ganz 100-prozentig ohne die Hilfe genmanipulativer Eingriffe zustande gekommen sind. Und zweitens soll der Bauer, der auf seinem Feld noch Natur pur pflanzen will, diesen Wunsch zumindest theoretisch umsetzen dürfen: Der Gentech-Nachbar auf dem Feld nebenan muss sich zu erkennen geben und eine Distanz von mindestens 150 Metern zum konventionell begrünten Acker wahren, zum Bio-Feld soll er gar 300 Meter Abstand halten.

Das klingt einerseits nach einer Irreführung der Verbraucher, andererseits aber auch nach einem kleinen Sieg für jene Bauern in Deutschland, die weder den bereits zugelassenen Bt-Mais - ein genetisch verändertes, gegen Schädlinge resistentes Korn - anbauen wollen, noch die bald folgende BASF-Kartoffel Amflora, eine durch Manipulation aufgemotzte Stärkebombe. Der Abstand zwischen den Feldern soll verhindern, dass die Pflanzen der ökologisch Landwirtschaftenden durch eine Verschleppung des manipulierten Krauts selbst zu gentechnisch befleckter Ware werden, die der Ökobauer nicht mehr als Bioware verkaufen kann.

Niemand kann indes sagen, ob 150 oder 300 Meter eine solche Kontamination dauerhaft verhindern. Allein die Tatsache, dass hier zweierlei Maß zum Zuge kommt, spricht zumindest dafür, dass 150 Meter nicht vollkommen sicher sind - sie würden sonst auch fürs Ökofeld genügen. Ohnehin haben wissenschaftliche Gutachten den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen samt Folgen nur innerhalb kurzer Zeiträume betrachtet, und obwohl man bisher keine Hinweise auf eine Gefährdung der Umwelt oder auch nur eine Streuung des manipulierten Erbgutes - sei es über Bienen oder durch die Luft - finden konnte, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Falls es sie doch gibt, ist wiederum nicht sicher, dass sie Schaden anrichtet. Für die Bauern wird die Lage damit schwieriger: Die neue Regelung schützt ihre Ernte nicht sicher, aber die Gentechbauern können sich drauf berufen.