In ihrem Debütroman Lichte Stoffe erzählt Larissa Boehning die Geschichte von Nele. Ihre Mutter wird als Kind einer deutschen Hutmacherin und eines amerikanischen schwarzen GIs während des Zweiten Weltkrieges geboren. Als Besatzungskind lernt Neles Mutter ihren Vater nie kennen, da dieser kurz nach dem Krieg spurlos verschwindet. Nach dem Tod der Großmutter kommt Nele auf die Spur eines wertvollen Gemäldes des französischen Malers Degas, das der Großvater ihrer Großmutter angeblich geschenkt haben soll. Nele fährt in die USA, nicht nur um das Bild aufzuspüren, sondern vielmehr um ihren eigenen Wurzeln und der ihrer Mutter näher zu kommen.

ZEIT online: In ihrem Roman Lichte Stoffe geht es um ein Familiengeheimnis, das bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zurückreicht. Hat denn die heutige Generation nicht genug Geheimnisse?

Larissa Boehning: Wir leben in einer entzauberten Welt, es geht oft nicht mehr darum, Geheimnisse zu haben, sondern alles von sich zu erzählen. Wir haben jetzt andere Geheimnisse, wir verheimlichen zum Beispiel das persönliche Scheitern und machen uns selbst und anderen etwas vor, weil man nicht möchte, dass andere die gesellschaftliche Wahrheit sehen.

ZEIT online: Wozu braucht der Mensch Geheimnisse?

Boehning: Ein Mensch ohne Geheimnisse? Will man den kennenlernen? Geheimnisse sind der Motor zum Erzählen. Das Gegenteil von Geheimnissen ist, an der Oberfläche zu leben. Darin liegt auch meine persönliche Faszination von Menschen wie beispielsweise Paris Hilton. Selbst auf dieser fast perfekten Oberfläche gibt es kleine Brüche und die könnten andeuten, was geheim ist und dahinter steckt.

ZEIT online: Wie viel Geheimnis steckt von Ihnen selbst in dem Buch?

Boehning: Ich konnte mir die Figuren für das Buch nicht aussuchen, sie waren da. Sie spiegeln einzeln das Hauptthema des Buches wider, weil jede Figur ihre eigene Lüge mitbringt oder verarbeitet. Mich hat am meisten interessiert, wie die Charaktere sich entwickeln, wie sie mit ihren kleinen Geheimnissen umgehen. Da stecken Teile von mir in jeder Figur. Das Schöne am Schreiben ist, sich selbst in verschiedene Figuren aufzuspalten.

ZEIT online: Auf der Suche nach ihrem Großvater will die Hauptfigur Nele nicht nur sich selbst, sondern auch ihrer Mutter und Großmutter ein Stück Wahrheit mitbringen. Warum erzählen Sie die Geschichte von drei Frauen?