Man sollte meinen, ein Wort ist entweder ein Wort oder eben kein Wort. Vielleicht noch ein schönes oder hässliches, ein deutliches oder verschleierndes. Worte können gefährlich werden, wenn sie manipulieren, oder zu höherem inspirieren, wenn sie die Menschen anrühren. Man fragt sich, warum Sprachexperten, die auf sprachliche Entgleisungen aufmerksam machen wollen, da ausgerechnet ein "Unwort" zum Titel wählen.

Dennoch: Die Initiative ist sinn- und anspruchsvoll. Eine Jury aus Sprach-Experten wirbt seit 1991 "für mehr sachliche Angemessenheit und Humanität im öffentlichen Sprachgebrauch". Den Sprachexperten geht es nicht darum, deutschtümelnd die Sprachpolizei zu geben. Sie können mit dieser jährlichen Rüge vielmehr anschaulich machen, wie mit Sprache die Wirklichkeit verzerrt wird. Wie frisch geprägte Wörter und Formulierungen uns helfen, die Augen zu verschließen vor Ungerechtigkeit, Missachtung und der eigenen Verantwortung. Wie wir so tun, als würden wir über wichtige Inhalte diskutieren, und dabei gar nichts sagen oder die Wahrheit verdrehen.

Das ist oft gelungen. Ungetüme wie "Überfremdung", "Humankapital", "Kollateralschäden" und "Gotteskrieger" wurden zu Unworten. Im vergangenen Jahr hatten sich die Sprach-Fachleute für "Freiwillige Ausreise" entschieden. Denn das klingt schön und ist es nicht. Es klingt fast nach Ferien und auf jeden Fall nach freiem Willen. Doch dahinter steht ein Verfahren, dass abgelehnte Asylbewerber nicht gefesselt abschiebt, sondern ihnen ihr Einverständnis abringt, in ihre Heimat zurückzukehren – obwohl sie in den meisten Fällen lieber bleiben würden. Von Freiwilligkeit keine Spur.

Das Unwort des Jahres 2007 heißt "Herdprämie". "Das Wort diffamiert Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen", sagt dazu der Sprecher der sechsköpfigen Jury, Horst Dieter Schlosser. Der Begriff setzte sich gegen 968 andere Vorschläge durch. Insgesamt waren 1760 Einsendungen eingegangen.

Aber mal ganz ehrlich: Ist das ein "Unwort"? Natürlich wird "Herdprämie" verwendet, um zu kritisieren. Das Wort macht sich lustig über die Prämie, die in der Regel Frauen erhalten sollen, welche ihren neu geschaffenen Anspruch auf einen Krippenplatz nicht einlösen wollen und zu Hause bei den Kindern bleiben. Die CSU kämpft für ein solches Betreuungsgeld, damit das konservative Modell der Hausfrau attraktiv bleibt.

Die "Herdprämie" beschreibt, dass Frauen (und Männer) dafür bezahlt werden, auf ein Leben in der Arbeitswelt zu verzichten und sich aufs Kochen, Putzen und Windelnwechseln zu beschränken. Das Wort macht keinen Hehl daraus, dass all die, die es verwenden, ein Betreuungsgeld für ein falsches Signal halten.