Willingdon Crescent ist eine der breiten grünen Alleen, wie es sie zu Hunderten gibt in Neu-Delhi. Große, weitausladende Bäume spenden zuviel Schatten in diesen kühlen Wintertagen, hinter niedrigen Mauern und Hecken liegen die einstöckigen, weißen Bungalows der höheren Regierungsbeamten, im Kolonialstil der dreißiger und vierziger Jahre, noch von den Engländern gebaut.

In Nummer 12 hält Indira Gandhi hof. Ein geschlossenes hölzernes Tor, ein dünner Stacheldrahtzaun, ein Trupp kampierender, khakifarbener Polizei, ein Wachhäuschen, ein Bambusrollo als Sichtblende vor den vier Säulen des Eingangs, das unterscheidet Nummer 12 von den anderen Häu'sern in dieser Straße.

Vor einem dreiviertel Jahr noch regierte sie Indien wie eine Kaiserin: autoritär, unumschränkt, diktatorisch. Als sie im März Wahlen abhalten ließ, wurde sie vernichtend geschlagen. Kaum jemand hatte damals mit ihrem Sturz gerechnet. Am wenigsten wohl sie selbst. Heute ist Indira Gandhi die meist umstrittene Persönlichkeit Indiens: Ihre politischen Gegner überschütten sie mit Haß und Ver-. achtung, aber das Volk jubelt ihr immer noch zu. Und selbst die mittelständische Intelligenz in Delhi und Bombay gibt inzwischen zu bedenken: Nicht alles war schlecht unter Madam.

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen vor Nr. 12. Busse, vollgepackt mit indischen Touristen, bremsen an der Einfahrt. Aus ihnen quillt es heraus, strömt in den Garten, neugierig, erwartungsvoll, ehrerbietig. Herr Naqvi, Madams persönlicher Assistent, hat alle Hände voll zu tun. Rechts neben dem Hauseingang hat er sein Büro aufgeschlagen: in einem Zelt, mit Schreibtisch, Stahlschrank und Telefon. Das ist die Kommandozentrale der Ex-Premierministerin, der tief Gestürzten.

"Das Haus ist zu klein. Vier Schlafzimmer, zwei Empfangsräume, ein Eßzimmer, und das alles für Frau Gandhi, ihre beiden Söhne mit ihren Frauen, die beiden Enkelkinder und fünf Hunde, da ist eben kein Platz mehr für ein Büro", sagt Herr Naqvi. "Und wir haben so furchtbar viel jetzt hier zu tun. Sie ist eben eine Volksheldin."

Noch mehr Gedanken über den Andrang scheint sich Herr Sen zu machen. Er hat im Zelt rechts neben dem Eingang mit seinen Leuten Quartier bezogen. Das Zelt ist größer und schäbiger als das Bürozelt. Herr Sen wacht über die Sicherheit von Frau Gandhi. Schon früher, als sie noch in Amt und Würden war, war er dafür zuständig. "Nur jetzt ist es viel schwieriger. Das Gelände ist so offen", sagt er und zeigt auf den weitläufigen Garten hinter dem Haus.

Noch ein drittes, sehr großes Zelt steht im Vorgarten. Unter karmesin-weiß-grün-gestreiftem Dach, den indischen Nationalfarben, wie es sicherlich nicht der Zufall will, stehen an die vierzig Stühle aufgereiht. Die ersten Besucher warten hier bereits um halb acht Uhr morgens, die letzten gehen abends um halb zehn. "Die vielen Leute halten mich ganz schön in Trab", sagt denn auch Frau Gandhi halb geschmeichelt und halb genervt. "Ich komme kaum noch zu etwas." — Und was wollen die Leute? — "Die meisten kommen, um mich zu sehen. Etwas anderes wollen sie nicht. Nur ein Gruppen-Foto. Aber manche haben auch Beschwerden vorzutragen, manche geben Ratschläge. Über eines klagen natürlich alle: die steigenden Preise."

Und wieder wird sie zum Gruppen-Foto herübergebeten. Mit Engelsgeduld, etwas linkisch schüchtern stellt sie sich in die letzte Reihe zu einigen Bauern. Zum vierzigsten- oder fünfzigstenmal an diesem Tag. Doch dann legt sie in einer überraschenden Gebärde plötzlich den Arm um ein junges Mädchen aus Bengalen. "Wie geht es deiner Familie?" fragt sie entwaffnend. Noch lange wird es in dem Tausende Kilometer entfernten Dorf heißen: "Stellt euch vor, nach uns hat sie sich erkundigt, ausgerechnet nach uns!" Und den Vater des Mädchens, einen gegen die winterliche Kühle in malerische Decken gehüllten Greis, bittet Indira Gandhi fürs Gruppen-Foto zu sich auf die andere Seite. "Oh nein, Madam", sagt der, "mir genügt es, wenn ich hier sitzen und Sie ansehen kann."

Es fällt schwer, von dieser Frau nicht hingerissen zu sein, von ihrem Charme nicht eingefangen zu werden. Zu dieser kleinen, zarten Person scheint das alles nicht zu passen: Neunzehn Monate Emergency , Diktatur notdürftig als Notstandsmaßnahme deklariert, 100.000 politische Gefangene, Abschaffung der demokratischen Freiheiten des einzelnen, Beschneidung der Justiz. Mit 48.000 Vergehen der Gandhi-Ära beschäftigt sich jetzt schon die Untersuchungskommission des Richters Shah, vor allem mit Vergehen des "Küchenkabinetts" unter dem selbstherrlichen Gan- dhi-Sohn Sanjay, den die Mutter auch heute noch rückhaltlos deckt.

"Wenn sie sich nur von Sanjay trennen würde, sie wäre bald wieder ganz oben", heißt es immer wieder. Aber Indira Gandhi sagt ärgerlich: „Das ist eine umstrittene Angelegenheit. Ich halte es für besser, mich nicht weiter dazu zu äußern." Dennoch ist sie alles andere als eine Unperson. Auch für höchste Würdenträger des neuen Regimes ist sie Gesprächsthema Nummer eins geblieben; die Herren lassen sich zu Äußerungen hinreißen, die sie dann doch lieber nicht ausgesprochen hätten: "Ach bitte, schreiben Sie das nicht", höre ich immer wieder von Regierungsleuten. Steht also ein Comeback bevor? — "Nein, diese Frau ist politisch tot."

So tot allerdings scheint sie denn auch wieder nicht zu sein. Auffallend oft wird in diesen Tagen in Delhi der politische Mord als letzte Alternative diskutiert. Indira Gandhi selbst tut so, als ob das alles leere Spekulationen sind. "Eines ist sicher", sagt sie mit sehr entschiedener Stimme, "ich möchte nicht mehr Premierminister werden. Ich glaube, das ist eine Phase, die vorbei ist. Ich möchte sie nicht noch einmal wiederholen. "Allerdings", so gibt sie einschränkend zu bedenken, "wenn hier alles schiefgeht, kann ich einfach nicht stillsitzen. Ich muß mich dann zu Wort melden, und wenn es die Leute wollen, muß ich zu ihnen kommen."