Ich laufe zur Schule und schon nach den ersten paar Atemzügen holt mich der Stress ein. Er breitet sich förmlich in meinem Körper aus und lässt gar keinen Platz mehr für die frühlingshafte Luft. In der dritten Stunde schreiben wir eine Geschichtsarbeit. Ich habe alles noch mal wiederholt, das schaff ich schon, denke ich. Die Englischvokabeln hab ich gestern auch noch eilig gelernt. Ein schlechtes Gewissen macht mir die Matheklausur am Mittwoch, soweit habe ich aber immerhin alles im Kopf. Aber was ist mit der Chemieprüfung am Freitag?

So ungefähr sieht bei vielen Hamburger Schülern in der zehnten Klasse ein „normaler Montagmorgenspaziergang“ aus. Wir Gymnasialschüler, die wir nur noch 12 Jahre statt 13 Jahre zur Schule gehen, wissen, dass wir uns anstrengen müssen. Ich habe 34 Stunden pro Woche Unterricht. Dazu noch zwei, jedoch freiwillige, Chorstunden am Mittwochabend.

Vor Weihnachten hatten wir besonders viel zu tun, weil viel Zeit durch das dreiwöchige Betriebspraktikum verloren geht, das ich gerade bei der ZEIT online absolviere. Jeder Lehrer will mindestens zwei Arbeiten pro Halbjahr schreiben. Dazu kommen manchmal noch Tests, die wöchentlich stattfinden und Hausaufgaben. Ist ja auch logisch, sonst fällt die Benotung schwer.

Aber jetzt stelle man sich mal vor, dass wir zusätzlich zu jedem Fach sogenannte Kopfnoten bekämen, die das Arbeits- und Sozialverhalten bewerten. Diese Regelung soll ab Freitag in Nordrhein-Westfalen in Kraft treten. Ich glaube, wir Schüler werden uns dann fühlen, als würden wir in allem was wir tun, permanent begutachtet. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es nur eine kurze schriftliche Bewertung unseres Arbeits- und Sozialverhaltens. Neben dem ohnehin schon vorhandenen Leistungsdruck durch Verkürzung der Schulzeit ohne Entlastung des Stoffes, wären Sozialnoten ein zusätzlicher Druck. 

Wie wäre die Schule eigentlich ohne ein „tadelnswertes Benehmen“? Wenn ich mir meine Klassenkameraden so vorstelle, wie sie sich zusammenreißen müssten, um nicht des Spaßes halber den Schultisch vollzumalen, sowie es früher einmal üblich war, dann macht das schon einen etwas tristen Eindruck. Auch das Lachen über einen Lehrer, der sich in ungeschickter Weise mit seiner Hand einen Kreideabdruck auf seinem Po verpasst hat, würde wahrscheinlich weniger werden.

Kann denn eigentlich mein Lehrer, der Biologie oder ein anderes Spezialgebiet studiert hat und mich zwei Stunden in der Woche sieht, mein soziales Verhalten angemessen bewerten? Und kann er diese Ergebnisse mit Hilfe von Noten überhaupt auf konstruktive Weise an uns Schüler weitergeben, so dass wir wissen, was falsch oder richtig gelaufen ist? Eine Zahl sagt nichts über die wahren Hintergründe.