In den letzten Wochen flattern überraschende Einladungen durch meinen elektronischen Briefschlitz: zur Teilnahme an Konferenzen, Symposien, Workshops, die alle nur eins erörtern wollen, nämlich wie die Welt von Atomwaffen befreit werden kann. Und wer meint, die Absender wären ältere Herrschaften der Friedensbewegung, der irrt. Vielmehr haben sich diesmal Realisten, nicht Idealisten zusammengetan, um die Menschheit zu retten.

Machtpolitiker wie die ehemaligen US-Außenminister Kissinger und Shultz gaben den Anstoß, Institutionen wie das Londoner Internationale Institut für Strategische Studien oder das Norwegische Außenministerium organisieren Fachtreffen. Kaum ein Think Tank in Washington, der nicht an dem Thema forscht. Barak Obama verspricht für den Fall, dass die Amerikaner ihn im November zum Präsidenten wählen: "Amerika setzt sich für eine Welt ein, in der es keine Atomwaffen gibt."

Ronald Reagan und Michael Gorbatschow hatten schon einmal, bei ihrem Treffen in Reykjavik vor mehr als 20 Jahren, davon gesprochen. Sie wurden damals von den Realisten, auch von mir in der ZEIT, als sentimentale Träumer abgetan. Hatte nicht der lange kalte Frieden des Kalten Krieges auch deshalb so lange gehalten, weil die atomare Abschreckung keine andere Wahl ließe? Würde die Abschaffung dieser Waffen nicht den Krieg wieder möglich machen, zumindest in Europa?

Vielleicht, so antworten die neuen Kämpfer gegen den Atomtod, wenn die Bombe nur im Besitz der "Guten" bliebe - den etablierten Atommächten, plus Indien und Israel. Aber heute, warnen sie, können immer mehr "Böse" daran gelangen: Nordkorea, Iran, möglicherweise gar Terroristen. Seit Wochen wird in Washington laut darüber nachgedacht, wann es im zunehmend brüchigen Pakistan unabwendbar werden könnte, das dortige Atom-Arsenal mit amerikanischen Sondertruppen außer Landes zu bringen, damit es nicht in die Hände radikaler Islamisten, gar die der Taliban oder al-Qaidas fällt.

Dem nuklearen Nicht-Verbreitungsvertrag, der doch verhindern soll, dass die Zahl der Atomwaffen-Staaten wächst, wird dies immer weniger zugetraut - ein halb berechtigter Vorwurf. Denn der Vertrag begünstigt den Zugang zu nuklearer Technik, die gleichermaßen für friedliche wie militärische Zwecke genutzt werden kann - der Grund für das internationale Misstrauen, das dem auf eigener Anreicherung bestehenden Iran entgegengebracht wird. Eine Studie des Massachussetts Institute of Technology sagt für die nächsten 50 Jahre den Bau von tausend neuen Atom-Kraftwerken voraus.