Das war dann wohl doch noch nicht alles. Immer neue Überraschungen tauchen in den Bilanzen der Banken auf: Citibank , Merrill Lynch, zur Abwechslung die LBBW oder Hypo Real EstateAbschreibungen, wohin man auch schaut. Auch die Versicherer werden von Anleihen immer stärker in den Strudel hineingezogen. Andererseits gibt es auch Banken, die nicht so viel Abschreibungen melden - ist die Lage vielleicht gar nicht so schlimm?

Die Frage ist jedoch: müssen - oder können? Nur weil einzelne Banken einen Abschreibungsbedarf melden, der geringer ist als vom Markt erwartet, ist das noch lange kein Beweis, dass das auch dem tatsächlichen Bedarf entspricht. Abschreibungen führen dazu, dass die operativen Gewinne schmaler oder gar zu ausgewachsenen Verlusten werden. Verluste aber gehen zu Lasten der Rücklagen oder des Eigenkapitals. Diese Begrenzung wird in der Diskussion bisher kaum in Erwägung gezogen.

Außerdem: Die Banken, die besonders viel abschreiben, konnten zumeist kurz darauf neue Geldgeber präsentieren. Etwa Staatsfonds aus Nahost und Asien - oder Hedge Fonds. Das sind Investoren, die sehr liquide sind und auch etwas mehr Risiko in Kauf nehmen können. Nur ist diese Quelle nicht unbegrenzt. So wurde in der letzten Woche gemeldet, dass die chinesische Regierung ihr Veto eingelegt haben soll und so eine höhere Kapitalspritze für die Citibank verhindert habe. Es stellt sich die Frage: Suchen sich die Banken (und finden sie es auch) so viel Kapital, wie sie abschreiben müssen, um damit ihre Eigenkapitalquote nicht zu sehr sinken zu lassen? Oder schreiben sie eben nur so viel ab, wie sie an Kapital auftreiben können?

Diese Frage ist spekulativ, aber berechtigt. Wenn einzelne Häuser melden, dass sie keinen Abschreibungsbedarf haben, nur um dann wenige Wochen später genau diesen bekannt zu geben, dann deutet das auf die sogenannte Dürer -Strategie hin. Die heißt so, weil der Maler ein Bild gemalt hat, das betende Hände zeigt. Getreu dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Am Anfang hoffen viele Bilanzierer, dass die Kurse doch noch steigen werden.

Dadurch würden die Abschreibungen verhindert werden können. Und falls dies nicht passiert, ist so zumindest Zeit gewonnen, die dann genutzt werden kann, um potenzielle Finanzgeber zu finden. Doch es gibt noch eine andere Erklärung für die unterschiedliche Höhe der Abschreibungen: Merrill und Citi haben vor wenigen Wochen ihre Vorstandsvorsitzenden ausgewechselt. Den neuen Chefs liegt es nahe, die Fehler ihrer Vorgänger offenzulegen und zu bereinigen. Denn tun sie es jetzt, werden die Folgen ihnen nicht angelastet. Je länger sie aber warten, umso eher werden daraus entstehende zukünftige Verluste ihrer Geschäftspolitik angelastet.

Hohe Abschreibungen zum jetzigen Zeitpunkt führen zudem zu einer verbesserten Basis in der Zukunft. Kommt es dann doch nicht so schlimm wie befürchtet, ergibt sich ein zusätzliches Ertragspotenzial. Das erhöht die Gewinne in der Zukunft – für die dann der neue Chef gefeiert wird, und nicht der alte.