Zinssenkung dämpft Kursrutsch

Es war ein Tag des Auf und Abs an der Wall Street. Kurz nachdem der Handel in New York eröffnet wurde, brach der Leitindex Dow Jones in den ersten Handelsminuten deutlich ein, zeitweise um drei Prozent. Ingesamt um 368 Punkte sank der Index zu Beginn. Auch der technologieorientierte Nasdaq ruschte mit einem Minus von 4,9 Prozent ab.

Am Nachmittag erholten sich die Kurse jedoch wieder. Offenbar hatte die Zinssenkung der Fed den Kurssturz abgefedert. Die US-Notenbank hatte den Zins zuvor um 75 Basispunkte gesenkt und auf 3,5 Prozent festgesetzt. Der Beschluss sei wegen der Abschwächung des Wirtschaftsausblicks getroffen worden, teilte die Fed am Dienstag mit. US-Analysten hatten nach dem Kursrutsch an Europas Börsen mit deutlich größeren Verlusten gerechnet.

Die amerikanischen Währungshüter begründeten die Zinssenkung mit schwächeren Aussichten für die Wirtschaft und zunehmenden Wachstumsrisiken. Außerdem wiesen sie auf die hartnäckige Finanzmarktkrise hin. Die Marktkonditionen hätten sich weiter verschlechtert und die Kreditbedingungen für einige Haushalte und Unternehmen seien ungünstiger geworden. Neueste Daten wiesen zudem darauf hin, dass der Abschwung am Immobilienmarkt noch nicht ausgestanden sei. Außerdem schwäche sich die Lage am Arbeitsmarkt ab. Mit dieser Entscheidung senkte die Fed ihren Leitzins seit dem Sommer angesichts der zuspitzenden Krise auf dem Kredit- und Häusermarkt um insgesamt 1,75 Prozentpunkte.

Der Dax reagierte unmittelbar und sprang über 6800 Punkte. Am Morgen war der deutsche Leitindex zunächst um fünf Prozent auf 6420 Punkte weggesackt und hatte damit so niedrig wie seit Dezember 2006 nicht mehr notiert. Letztlich blieb dem Dax ein Verlust von 2,21 Prozent auf 6640 Zähler. Die Kursverluste in London, Paris und Zürich waren zu Handelsbeginn ähnlich dramatisch. Der paneuropäische Stoxx50-Index fiel zwischenzeitlich um 3,5 Prozent und der Euro Stoxx 50 um 3,7 Prozent. Damit folgten die europäischen Börsen den Vorgaben aus Asien.

Zu den größten Verlierern zählten die Aktien der Banken. So brachen die Titel der Deutschen Bank zunächst um bis zu 7,8 Prozent ein, die der Commerzbank um bis zu 5,3 Prozent und die der Postbank um bis zu elf Prozent. Letztere legte späterhin allerdings wieder spürbar zu, ebenso wie die Titel des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate , der zunächst in der Spitze 9,8 Prozent verloren hatte. Allianz-Aktien brachen um bis zu neun Prozent ein.

Neben der Leitzinssenkung kommen jedoch abermals schlechte Nachrichten aus den USA:  Die Bank of America hat im vierten Quartal wegen der Hypothekenkrise einen Gewinneinbruch erlitten. Der Nettogewinn sank auf 268 Millionen Dollar, teilte die zweitgrößte US-Bank am Dienstag mit. Vor einem Jahr hatte das Institut noch 5,26 Milliarden Dollar verdient. Die Abschreibungen bei strukturierten Schuldverschreibungen beliefen sich im vierten Quartal auf 5,28 Milliarden Dollar.

EZB und Bundesbank: Europäische Daten sind gut

Die Europäische Zentralbank (EZB) hält - anders als die Fed - offenbar an ihre Politik der Zinsstabilität fest. Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, schloss am Dienstagmorgen Zinssenkungen wie zuletzt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet aus. Die EZB müsse die Preisstabilität gewährleisten und beobachte sehr genau die Inflationsentwicklung.

EZB-Volkswirt Stark rechnet damit, dass die Korrektur an den Aktienmärkten noch eine Weile anhalten könnte. Ein Großteil der Hypotheken in den USA werde in diesem Jahr fällig und neu zu finanzieren sein. "Dieser Prozess wird noch eine Weile dauern", sagte Stark. Der Volkswirt ist Mitglied des EZB-Direktoriums. Negative Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland und der Euro-Zone befürchte er nicht. Die Ertragslage der Unternehmen sei günstig, die privaten Haushalte stünden gut da. Zudem werde die Beschäftigung weiter zunehmen, was zu mehr privatem Verbrauch führe.

Zinssenkung dämpft Kursrutsch

Bundesbank-Präsident Axel Weber äußerte sich ähnlich. Außerdem wies er Befürchtungen zurück, dass es in Deutschland zu einer Kreditklemme kommen könnte. Dahinter steht die Sorge, dass Banken, deren Börsenwert nun drastisch sinkt, wesentlich vorsichtiger Kredite an Unternehmen vergeben könnten und so Investitionen gefährdet sein könnten. "Es gibt in Deutschland viele Institute mit genügend freiem Kapital", sagte Weber. "Auch wird der Wettbewerb dafür sorgen, dass die Unternehmen weiterhin Kredite zu vernünftigen Zinssätzen bekommen." Zwar durchliefen vor allem die Banken derzeit einen recht "schmerzhaften Anpassungsprozess". Die Gewinnsituation der deutschen Unternehmen sei jedoch so stark wie seit Langem nicht mehr. "Die Gewinnmargen sind hoch. Daher glaube ich, dass die deutschen Unternehmen mit leicht schwierigeren Finanzierungsbedingungen klarkommen werden."

Die europäischen Regierungen warnte Stark vor "Schnellschüssen", die zu mehr Regulierung führten. "Diejenigen, die riskante Investitionen getätigt haben, müssen die Konsequenzen ihres Verhaltens tragen." Am Dienstag tagen in Brüssel die Minister der Ecofin-Runde. Sie werden sich wohl mit den Börsenentwicklungen beschäftigen.

Am Montag hatten schon die Finanzminister der Europäischen Union über die Ereignisse an den Finanzmärkten beraten. Im Gegensatz zur amerikanischen Wirtschaft brauche die Euro-Zone aber kein Konjunkturprogramm, wie es von der Regierung Bush in den USA am Freitag angekündigt worden war, war die einhellige Meinung. Die Lage in Europa sei völlig anders als in den USA, sagte der Chef der Eurogruppe, Luxemburgs Finanzminister Jean-Claude Juncker. Das Fundament der Wirtschaft sei sehr solide und die Beschäftigung nehme zu. "Die Amerikaner müssen auf eine ganz andere Situation reagieren als Europa." Dennoch seien die Finanzminister besorgt, dass es zu einer Rezession in den USA kommen könnte, die auch Bremsspuren in der Euro-Zone hinterlassen würde.

US-Rezession nicht mehr auszuschließen

Die Regierung in Washington hatte am Freitag ein Konjunkturpaket im Volumen von bis zu 150 Milliarden Dollar angekündigt, um eine Rezession zu verhindern. Die Lage in den Vereinigten Staaten verschlechtere sich weiterhin, sagte Juncker. "Wir hatten in den letzten Monaten nicht mit einer Rezession in den USA gerechnet - aber jetzt kann man das nicht mehr völlig ausschließen." Die US-Wirtschaft kämpft derzeit mit den Folgen der Krise am Immobilienmarkt, die viele Milliarden Verluste bei den Banken und teilweise auch einen Rückgang des Konsums nach sich gezogen hat.

Die Euro-Zone habe sich wirtschaftlich wahrscheinlich von den USA abgekoppelt, ergänzte Juncker. Außerdem wirke sich die Krise am Kreditmarkt bisher nur wenig auf die reale Wirtschaft aus. So werde das Wachstum in der Euro-Zone in diesem Jahr etwas niedriger ausfallen als bisher angenommen und wohl etwas unter zwei Prozent liegen. Alles in allem könnten die Euro-Länder zufrieden sein, und es gebe keinen Grund für übertriebenen Pessimismus.

Vor dem Treffen hatten sich einige Finanzminister beunruhigt über den Kurssturz an den Börsen geäußert, der durch Ängste vor einer Rezession in Amerika ausgelöst wurde. "Wir sind alle besorgt", sagte der slowenische Finanzminister und derzeitige EU-Ratsvorsitzende Andrej Bajuk. "Wir verfolgen die Ereignisse täglich. Wir hoffen, die Dinge stehen nicht so schlecht, wie sie derzeit scheinen mögen." In Frankfurt war der Dax am Montag um 7,16 Prozent auf 6790,19 Punkte abgestürzt und hatte damit das Kursniveau vom März vorigen Jahres erreicht. Zudem war dies der größte prozentuale Tagesverlust seit den Anschlägen vom 11. September 2001, als der Dax 8,5 Prozent verloren hatte. Mit Blick auf die Zinspolitik im Euro-Raum sagte Juncker, wegen der Inflationsrisiken dürften die Löhne nur so stark steigen, wie die Produktivität zunehme. "Alles sollte getan werden, um Zweitrundeneffekte zu vermeiden", sagte er.

Heftige Kursverluste in Asien

Nachdem am Montag rund um den Globus Anleger in Panik Aktien verkauft hatten, war die Tokioter Börse am Dienstag im frühen Handel weiter eingebrochen. Zeitweise verzeichneten dort sowohl der Nikkei- als auch der Topix-Index Kursabschläge von mehr als vier Prozent. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index verbuchte gegen Mittag (Ortszeit) noch ein Minus von 3,4 Prozent und sank auf 12.874 Zähler. Der breiter gefasste Topix-Index gab 3,2 Prozent nach auf 1253 Punkte.

Zinssenkung dämpft Kursrutsch

Wie schon am Montag trennten sich die Anleger wiederum vor allem von Finanztiteln. Weil der Yen im Verhältnis zum Dollar an Wert gewann, zählten aber auch Exportwerte zu den Verlierern: Aktien von Toyota Motor und Sony büßten jeweils mehr als vier Prozent ein.

Auch an anderen Handelsplätzen in Asien war die Stimmung schlecht: Die Kursverluste an den Börsen in Taiwan, Singapur und Südkorea bewegten sich zwischen drei und fünf Prozent. In Neuseeland und Australien setzten die Börsen ihre Talfahrt ebenfalls fort. In Australien sackte der All Ordinaries Index um 5,7 Prozent ab. In den ersten zwei Handelsstunden verlor er 5,7 Prozent. Das war der 12. Rückgang in Folge - die längste Verluststrecke seit 25 Jahren.

Indien setzt Handel aus

Besonders heftig traf es die wichtigste indische Börse in Mumbai. Dort wurde der Handel nach starken Kursverlusten am Dienstagmorgen zwischenzeitlich ausgesetzt. Der indische Leitindex Sensex war kurz nach Handelsbeginn um 11,53 Prozent eingebrochen und fiel um 2029 auf 15.576,35 Punkte. Der Handel begann um 11 Uhr Ortszeit wieder. Der indische Finanzminister P. Chidambaram rief die Anleger zur Ruhe auf. Schon am Montag war der Sensex um 7,41 Prozent weggesackt. In den vergangenen Jahren hatte der 30 Werte umfassende Aktienindex ein starkes Wachstum verzeichnet.

Die chinesischen Aktienmärkte erlebten am Dienstag auf ein Fünf-Monats-Tief. Der Shanghai-Composite-Index stürzte um 7,22 Prozent auf 4559 Punkte in die Tiefe. In den vergangenen sechs Handelstagen verlor der Index 17 Prozent.

Die japanische Ministerin für Wirtschaft und Fiskalpolitik, Hiroko Ota, sprach sich am Dienstag für eine enge Kooperation der führenden Wirtschaftsnationen im Umgang mit den Börsenstürzen aus. Umgehende Maßnahmen seitens Japans allein schloss sie jedoch aus. Die Turbulenzen hätten ihre Ursache letztlich in der US-Immobilienkrise. Japans Finanzminister Fukushiro Nukaga wies zudem Spekulationen zurück, dass seine Regierung eingreifen könnte, um die Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar zu stoppen.

Wohin die Märkte der Industriestaaten laufen, können Sie hier sehen! Den aktuellen Stand von Dow Jones , Nasdaq , Nikkei , Dax , Tec Dax und Euro Stoxx 50 erhalten Sie beim Klick auf die Icons, ebenso den Stand des Euro zum Yen oder zum Dollar .