Wolfgang Clement hatte am Wochenende wegen des energiepolitischen Kurses der hessischen SPD und deren Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti indirekt dazu aufgerufen, bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag sie nicht zu wählen. Eine ganze Reihe prominenter SPD-Politiker hatte daraufhin wütend einen Ausschluss des früheren Parteivize gefordert.

Parteichef Kurt Beck gab sich dagegen am Montag betont gelassen, um die Aufregung zu dämpfen und der Union nicht in die Hände zu spielen. "Da hat der Lobbyist eines großen Stromkonzerns gesprochen" sagte er unter Anspielung darauf, dass Clement im Aufsichtsrat einer RWE-Kraftwerkstochter sitzt. Er fügte hinzu: "Wir haben das zur Kenntnis genommen, eingeordnet und abgeheftet."

SPD-Fraktionschef Peter Struck, der noch am Sonntag mit einem Ausschluss des früheren Bundeswirtschaftsminister gedroht hatte, forderte ihn nun wie andere führende Genossen auf, die Partei von sich aus zu verlassen. Der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident habe sich "eindeutig parteischädigend" verhalten. Es sei "absolut unanständig, der eigenen Partei so in den Rücken zu fallen". Außenminister und SPD-Vize Frank-Walter Steinmeier äußerte ebenfalls Unverständnis über Clement: "Er hat selbst schwierige Wahlkämpfe hinter sich und weiß,
wie schädlich und unsolidarisch dieser Zuruf von außen ist", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Clement wies den Lobbyismus-Vorwurf zurück. "Ich habe meine Äußerungen nach Abwägung der Interessen des Landes und der Partei formuliert", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger . Er sei von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern einstimmig zum neutralen Aufsichtsratsvorsitzenden von RWE Power gewählt worden. Gegen ein Parteiordnungsverfahren hätte er im übrigen nichts einzuwenden.

Clement hatte seiner Parteikollegin Ypsilanti eine unverantwortliche Energiepolitik vorgeworfen, weil sie sowohl die beiden hessischen RWE-Atomkraftwerke Biblis A und Biblis B bis 2013 abschalten als auch keine neuen Kohlekraftwerke bauen will. Scharfe Kritik erntete Clement dafür auch aus seinem nordrhein-westfälischen Landesverband. Die Landesvorsitzende Hannelore Kraft warf ihm ein "übles Foul" gegen Ypsilanti vor, die in Hessen einen hervorragenden Wahlkampf mache. Kraft will Clement zur Rede stellen. Das Gespräch sei allerdings noch nicht terminiert, sagte ein Parteisprecher.

Die CDU griff Clements Kritik an seiner eigenen Partei erwartungsgemäß begierig auf. Generalsekretär Ronald Pofalla sagte nach einer Telefonkonferenz des CDU-Präsidiums: "Wolfgang Clement ist der erste Mutige, der die Wahrheit ausspricht." Die Vorstellungen von Ypsilanti gingen an die Substanz Hessens und gefährdeten Arbeitsplätze. Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) sagte, Clement habe Recht mit seiner Warnung vor drohenden Engpässen bei der Energieversorgung. Wenn die SPD sowohl längere Restlaufzeiten für Kernkraftwerke als auch neue Kohlekraftwerke ablehne, müsse sie sagen, wie sie sich eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung vorstelle.