Es ist sechs Grad über Null, eigentlich recht warm für den Januar. Doch der Ostwind fegt eine so eisige Kälte über den Hof, dass nur die zähesten der jungen Männer vor dem Einkaufszentrum ausharren. Sie prosten sich zu und lassen ihre kalten Getränke durch die Kehlen fließen.

Sie erzählen sich lautstark Witze und berichten von ihren Eroberungen, klopfen sich ungestüm auf die Schultern und schubsen sich dabei so heftig hin und her, dass man meinen könnte, den Beginn einer handfesten Schlägerei zu erleben. Doch ihr tönendes Lachen zeugt eher von Ausgelassenheit und Übermut.

Die siebenjährige Jenny kommt aus dem Einkaufszentrum und wird von einem der Jugendlichen angesprochen. Ich erkenne sie von Weitem an ihrem langen, feuerroten Haar. Sie zuckt mit den Schultern, hüpft auf und ab und versucht, sich mit den Armen ein wenig Wärme an die Rippen zu klopfen.

Der junge Mann hebt sie hoch, wirft sie in die Luft und fängt sie wieder; quietschend landet sie in seinen kräftigen Armen. Mit langen Schritten kommt er herüber, und jetzt sehe ich auch, dass es Volkan ist, der Sohn von Arzu. Er wohnt mit seinen Brüdern, der Großmutter und den Eltern in der Wohnung neben Jennys Familie.

„Guck mal“, sagt er und zeigt mir, dass Jenny in ihren Turnschuhen barfuß ist. „Ist doch voll scheiße so was, wofür hat die denn überhaupt ne Mutter.“

„Huh, Du kriegst ja ganz kalte Füße“ sage ich, nehme Jenny von Volkans Schultern. „Ich kümmer mich schon“, gebe ich Volkan zu verstehen und er schlendert quer über den Platz zurück zu den Freunden.

„Kann ich rein zu Nora?“ fragt Jenny. „Na klar, komm mit“, antworte ich und halte die Tür auf. Drinnen empfängt uns eine mollige Wärme und der Duft von Kaffee und heißem Fliederbeersaft. Auf dem Weg zum Kindertreff wende ich mich an sie: „Jenny, ich würde ganz gern Deine Mutter anrufen. Ob die zu Hause ist?“ „Ja, die ist am Computer.“