Der Jazztrompeter Paul Brody wurde 1961 in San Francisco geboren und wohnt seit siebzehn Jahren im Berliner Bezirk Schöneberg. Er sagt, er lebe in einer typischen Musikerwohnung. Ein buntes Durcheinander aus Instrumenten, Noten, Kleidung und Büchern. Die CDs stapeln sich bis in die Küche: Lee Morgan, Miles Davis, Erroll Garner und immer wieder Bartók und Charles Ives.

ZEIT online: Der New Yorker Saxofonist John Zorn begründete 1992 mit seinem brachialen Werk Kristallnacht die Radical Jewish Culture. Er lobt Ihre Musik als den Neuen Jüdischen Jazz und sogar als Neue Jüdische Renaissance. Was ist damit gemeint?

Paul Brody: Vor etwa fünf Jahren gründete ich ein Quintett aus amerikanischen und deutschen Musikern, um meine Art von jüdischer Musik zu spielen. Das ist im wesentlichen Jazz, der von traditioneller jüdischer Musik inspiriert ist. Einer der Musiker ist der Schlagzeuger der Gruppe Naftule's Dream, die bei John Zorns Label Tzadik unter Vertrag ist. Ich schickte ihm einige Bänder unserer Tournee und wenige Tage später rief er mich an. So kam es zu der Zusammenarbeit mit John Zorn. Was ihm gefällt, ist vielleicht unsere Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem musikalischen Material. Jedes Stück hat eine Geschichte.

ZEIT online: Was ist das Neue daran?

Brody: Früher erkannte ich jüdische Musik vor allem in den äußeren Eigenschaften des Klezmer: Triller, Schleifen und Verzerrungen. Doch Innen ist noch etwas Anderes. Dann habe ich alles weggelassen, von dem ich dachte, es bedinge diesen Stil. So hatte ich das Gefühl, der Musik näher zu sein, ihrem Ausdruck und Charakter, ohne die Bekleidung. Danach habe ich einzelne Melodietöne weggenommen, um zu sehen, ob die Melodie dann immer noch einen jüdischen Charakter hat. Eigentlich mache ich das Gleiche mit Jazz. Ich habe viel entdeckt bei dem Versuch, die Essenz der Musik zu finden. Das meine ich ganz technisch. Es hat mir die Freiheit gegeben, etwas Neues mit der Musik zu bauen.

ZEIT online: Haben Sie sich mit der Radikalität jüdischer Kultur im Sinne John Zorns beschäftigt?

Brody: Nein, ich hatte immer einen eigenen Zugang dazu, der mir erst vor einigen Jahren bewusst wurde. Ich habe mich nie als Teil einer Bewegung verstanden. John und ich reden oft über Musik, aber wir haben nie über seine Idee der Radical Jewish Culture gesprochen.

ZEIT online: Was ist das Radikale an diesem Gedanken?

Brody: John Zorn selbst. Er sagt mir immer: " Sei Du selbst. " Welches Label würde das sagen? Viele wollen nur ein möglichst glattes, leicht verkäufliches Produkt. Diese Freiheit ist radikal.

ZEIT online: Was ist aus dem Postulat der Radical Jewish Culture geworden?