ZEIT online: Kann man die Wahlergebnisse in Serbien so zusammenfassen: Das pro-westliche Lager hat verloren, das pro-russische gewonnen?

Dušan Reljić: Nein, auf keinen Fall. Es gab auch andere Kandidaten, die beträchtliche Stimmenanteile errungen haben. Dieses Wahlergebnis spiegelt die Polarisierung der Gesellschaft in Serbien in zwei Gruppen wieder: Die Gewinner der Reformen und des Übergangs neigen zu Tadić, während Nikolic eher die Verlierer des Übergangs, die weniger Gebildeten und die ältere Menschen anlockt. Man muss noch berücksichtigen, dass das Land 700.000 Flüchtlinge aus dem Kosovo, Bosnien und Kroatien aufgenommen hat und dass ein großer Teil dieser Flüchtlinge ihrer Frustration darin Ausdruck geben, indem sie Nikolic, also die Radikalen, wählt.

ZEIT online: Waren es also eher ökonomische Bedingungen, die die Wähler beeinflusst haben?

Dušan Reljić: Man muss den historischen Hintergrund im Kopf haben, um die Wahl zu verstehen. Die Lage der serbischen Gesellschaft lässt sich durch drei große Wandel in den vergangenen 15 Jahre analysieren: Der erste Wandel war der von einem spezifisch sozialistischen Selbstverwaltungssystem hin zu einem System im Stil des Manchester-Kapitalismus. Die Rezepte der Neo-Liberalen wurden sehr radikal umgesetzt. Das führte dazu, dass das Leben für viele Menschen schwerer geworden ist. Der zweite Wandel ist der Zerfall Jugoslawiens, dabei ist besonderes die Kosovo-Frage bedeutsam. Und der dritte Wandel ist ein demografischer: In  Südeuropa, mit Ausnahme der albanisch besiedelten Gebiete, werden die Gesellschaften immer älter.

ZEIT online: Sowohl Tadić als auch Nikolic lehnen eine Trennung vom Kosovo ab. Welche Rolle hat die Kosovo-Frage in der politischen Debatte gespielt?

Reljić: Sie war zentral. Für die meisten Menschen ist die Frage, ob man entweder den EU-Beitritt des Landes oder den Verbleib des Kosovo in Serbien vorzieht, so, als ob man sie vor die Alternative stellen würde: Möchten Sie lieber das rechte oder das linken Bein amputiert haben? Die einen Wähler ziehen den Radikalen Nikolic vor, der verspricht, rabiat und aggressiv zu antworten. Die anderen bevorzugen den gemäßigten Tadić, der sagt, er werde nie die Unabhängigkeit unterschreiben, aber man solle sich der EU annähern.