Lesen Sie Feuilleton!

ZEIT online: Herr Weber, überall auf der Welt wächst die Angst vor einem Abschwung in den USA, der Dax-Crash am Montag vernichtete 63 Milliarden Euro Kapital, an vielen Handelsplätzen rutschen die Kurse nach unten. Was sollten die Anleger jetzt tun?

Martin Weber: Nichts. Ich empfehle da Gelassenheit. Die Anleger sollten statt des Aktienteils in der Zeitung ein wenig Feuilleton lesen.

ZEIT online: Wenn die Krise sich zu einem richtigen Crash ausweitet, könnten die Anleger viel Geld verlieren.

Weber: Das ist kurzfristig gedacht. Im vergangenen halben Jahr hat der Dax deutlich verloren, das stimmt. Aber er steht noch immer 50 Prozent über dem Niveau von vor drei Jahren. Wer damals eingestiegen ist, hat gute Gewinne gemacht. Alle unsere Studien zeigen zudem, dass Anleger, die kurzfristig hin- und herspringen, meistens Verluste machen. Für den Privatanleger bringt es nichts, besser sein zu wollen als der Markt. Deshalb rate ich zu Geduld. Im Prinzip hat sich für die Anleger auch nicht viel geändert. Zwar sind ihre Portfolios weniger wert. Aber neue Informationen gibt es eigentlich nicht. Es ist viel Psychologie am Markt zurzeit.

ZEIT online: Also weder verkaufen noch kaufen?

Weber: Ja. Alles andere verspricht keinen Erfolg. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Nehmen Sie an, Sie haben 100.000 Euro investiert. Durch die Kursverluste der vergangenen Wochen haben Sie 10.000 Euro verloren, haben also noch 90.000. Wenn Sie nun die 90.000 Euro dringend brauchen, sollten Sie verkaufen, und zwar nur dann. Wenn Sie die 90.000 nicht auch noch verspielen wollen, dann sollten Sie aussteigen – das ist Ihr persönliches Risiko. Ansonsten sollten Sie abwarten. Wichtig ist doch, dass Sie Geld nicht einfach so anlegen. Zumeist hat das doch einen realen Hintergrund, nicht einen spekulativen.

ZEIT online: Das müssen Sie erklären.

Weber: Wer Geld anlegt, tut das fast immer mit gutem Grund. Die Menschen wollen für das Alter vorsorgen, ein Vermögen für ihre Kinder aufbauen, für ein Auto oder ein Haus sparen. Das sind langfristige Entscheidungen, die von kurzfristigen Schwankungen der Kurse unabhängig sein sollten. In den vergangenen Jahrzehnten machten die deutschen Anleger im Durchschnitt jedes Jahr eine Rendite zwischen sieben und acht Prozent. Dazwischen gibt es Schwankungen, die man aussitzen sollte und die notwenig sind. Es kann nicht nur bergauf gehen.

ZEIT online: Was aber, wenn es sich diesmal nicht um eine normale Schwankung handelt, sondern um einen dauerhaften Verfall der Kurse?

Lesen Sie Feuilleton!

Weber: Das halte ich für unwahrscheinlich. Die realen Risiken, die sich durch die drohende US-Rezession ergeben, sind zum großen Teil in den aktuellen Kursen eingepreist. Zudem erleben wir erhebliche Schwankungen bei einigen Titeln, die auf eine gewaltige Unsicherheit der Anleger hindeuten. Nehmen Sie die Aktie der Hypo Real Estate . Erst ging sie in den Keller, nun ist sie wieder im Aufwind. Das hat mit mangelnden Informationen zu tun. Noch immer ist nicht klar, wie hoch die Abschreibungsverluste der amerikanischen Banken wirklich sind. Das ist ein Problem. Verschwindet die Unsicherheit, wird sich der Markt wieder beruhigen.

ZEIT online: Doch gerade diese Unsicherheit verwirrt die Anleger in ihren Entscheidungen. Der Gründer und Chef der Vermögensverwaltung Fiduka, Gottfried Heller, vergleicht die Situation schon mit dem Börsencrash vom 19. Oktober 1987. Da fielen die Kurse um zehn Prozent. Andere mahnen – wie sie – zur Ruhe. Wem soll man jetzt glauben?

Weber: Niemand kann sagen, wie es weitergeht. Wirklich niemand. Wenn mich Leute fragen, wie sich die Aktienkurse entwickeln werden, zitiere ich gerne das Kinderbuch Räuber Hotzenplotz . Dort gibt es eine Figur, die Frau Schlotterbeck heißt. Frau Schlotterbeck hat eine Kristallkugel, in der man die Zukunft lesen kann. Auf Seminaren sage ich oft: Alle erzählen was von der Zukunft. Aber nur Frau Schlotterbeck weiß Bescheid. Den Rest besorgt der Markt. Alle Meinungen und Gerüchte, die nun herumspuken, machen am Ende den Kurs aus – niemals eine Einzelmeinung. Wir Ökonomen nennen das die Effizienz des Marktes. Weil alle den Kurs machen, kann niemand sagen, wie er wird.

ZEIT online: Haben Sie selbst Ihr Portfolio angerührt?

Weber: Nein, aus Überzeugung nicht. Wenn ich das Geld irgendwann mal brauche, hoffe ich, dass die Kurse wieder oben sind. Ansonsten bleibe ich gelassen.

Martin Weber ist Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Universität Mannheim. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Genial einfach investieren" im Campus Verlag.

Die Fragen stellte Philip Faigle.