Jürgen* ist 13 Jahre alt, als ich ihn mit der Pädagogin der Jugendschutzstelle und der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterin vom Bahnhof abhole.

Er soll sich bei uns vorstellen, weil wir, eine therapeutische Wohngruppe eines evangelischen Trägers, einen Platz frei haben. Den Termin hat die Sozialpädagogin vom Jugendamt mit uns vereinbart, weil sie der Auffassung ist, dass Jürgen neben klaren Strukturen auch Therapie braucht.

In unserer Wohngruppe leben acht Jungen zwischen 12 und 18 Jahren, die entweder psychisch krank oder gewaltbereit sind. Allen gemeinsam ist, dass sie in irgendeiner Weise in der Schule gescheitert sind. Die Gruppe wird von Pädagogen und Therapeuten rund um die Uhr betreut. Der Tag ist klar strukturiert: durch Arbeit oder Schule und gemeinsame Unternehmungen sowie durch regelmäßige Einzel- und Gruppentherapien. Diese Termine sind für die Jugendlichen ebenso Pflicht wie für ihre Eltern die Familiengespräche.

Die Begrüßung ist kühl. Jürgen ist nicht freiwillig hier, das macht er deutlich. Meist sieht er zu Boden. Wenn sein Blick mich doch trifft, wirkt er misstrauisch. Seine Mütze hat er tief in das Gesicht gezogen.

Ich weiß, dass er schwer traumatisiert ist. Seine Mutter ist drogenabhängig und depressiv; sie hatte versucht, ihren Sohn und sich selbst umzubringen. Eine Pflegefamilie, die er von früher kannte, wollte ihn nach wenigen Tagen wieder loswerden, weil er ihnen zu anstrengend geworden war. Nach mehreren Monaten Kinder- und Jugendpsychiatrie wartet er nun in der Jugendschutzstelle darauf, dass er einen Platz bekommt.

Als wir im Auto sind, weigert Jürgen sich, sich anzuschnallen. Die beiden Frauen reagieren angespannt. Offensichtlich lädt er mich zum ersten Machtkampf ein. Ich biete ihm schließlich an, mit der Straßenbahn zu fahren. Die Fahrt zur Wohngruppe dauert so allerdings 20 Minuten länger. Wortlos schnallt er sich schließlich an und wir können losfahren. In der Gruppe angekommen, erklärt er mir mit drastischen Worten, dass er von Pädagogen und Therapeuten nichts hält und ohnehin nicht mit "denen" reden würde. Überhaupt habe er keinerlei Interesse, in diese Gruppe und in diese Stadt zu kommen – er wolle da bleiben, wo er ist, denn dort habe er einen Kumpel gefunden.

Ich weiß, dass Jürgen sonst niemanden mehr hat: Seine Mutter möchte er nie wieder sehen, seinen Vater kennt er nicht. Er vergöttert den langjährigen Freund seiner Mutter, doch zu ihm besteht kein Kontakt mehr. Die Trennung von der Mutter war der Anlass für den erweiterten Suizidversuch. Die Großmutter ist alkoholabhängig. Das Verhältnis zu ihr ist äußerst schwierig, da Mutter und Großmutter sich nicht verstehen.

 

Er hat viele Schulwechsel hinter sich - zum einen, weil seine Mutter ein bewegtes Leben geführt hatte, zum anderen weil er sich aggressiv verhalten hat und rausgeflogen ist. Er hat auch seine Lehrer angegriffen. Sein Motto lautet: Erst mal bis zum Äußersten provozieren, dann sieht man, mit wem man es zu tun hat. Er lässt sich weder aufs Lernen noch auf andere Menschen ein.

Es fällt ihm zunächst schwer, sich einzugewöhnen – es ihm wichtig, vor allem den älteren Jungen zu demonstrieren, dass er cool ist und sich nichts gefallen lässt. Es gelingt ihm jedoch weitgehend, die vorgegebenen Regeln und Strukturen einzuhalten. Im Gespräch mit den Erziehern und in der Einzeltherapie schafft er es allmählich, sein Bedürfnis nach Wärme und Zuwendung zu zeigen. Doch er bewegt sich ständig in dem Spannungsfeld zwischen den beiden Polen - sich öffnen und dann wieder verschließen. Er beginnt, über seine Mutter zu sprechen, die er trotz allem liebt, und darüber, wie schwer es ihm fällt, das mit dem Geschehenen in Einklang zu bringen. Zum ersten Mal fängt er an, darüber nachzudenken, wie er Beziehungen zu anderen Menschen gestaltet.

In der Gruppe findet er Jungen, denen er sich anschließt, und ist bereit, für sie "durch’s Feuer zu gehen". Umgekehrt hat er das Gefühl, ebenfalls Freunde gefunden zu haben. Freunde, mit denen er reden kann, denen er Geheimnisse anvertraut und die ihn nicht verraten.

Wenn sich in einer Wohnung ausschließlich "auffällige" Jungen zusammenfinden, spielt die Rangfolge eine entscheidende Rolle. Als Jürgen 14 ist, verlässt der informelle "Chef" die Gruppe. Jürgen legt es auf einen Machtkampf um die vakant gewordene Position mit einem um einige Jahre älteren Jugendlichen an. Während einer Abendveranstaltung gehen sie aufeinander los und schlagen aufeinander ein. Sie sind so ineinander verkeilt, dass sie gar nicht bemerken, dass die Erzieherin dazwischen geht und dass sie sie mehrmals treffen. Im Nachhinein sind beide sehr berührt und beteuern, dass es nie in ihrer Absicht gestanden habe, die Erzieherin zu schlagen.

Jürgens Ambitionen und seine Betroffenheit zeigen, dass ihm die Gruppe etwas bedeutet. Doch so sehr er seine Offenheit genießt, so wenig kann er sie aushalten. Er läuft weg – immer wieder.

Nachdem Jürgen wieder einmal einen Tag unterwegs war, überlegen wir gemeinsam mit den anderen Jugendlichen, was Jürgen helfen könnte. Sie machen sich Sorgen um ihn. Wie fühlt sich Jürgen wohl gerade? Welche Bedürfnisse stecken hinter dem Verhalten? Wir reden über Jürgen, und damit redet jeder Einzelne über sich selbst. Jeder kennt die Sehnsucht, wahrgenommen und angenommen zu werden. Eine Sehnsucht, die oft gerade dann besonders groß ist, je stärker die Abwehr gezeigt wird.

Wir sprechen uns ab, und jeder seiner Freunde teilt ihm mit: "Mir ist es wichtig, dass du in der Gruppe bleibst und ich werde dir helfen!" – allen ist es ernst damit.

 

Die Kunst, mit derart belasteten Jugendlichen zu arbeiten, besteht darin, beides voneinander zu trennen: einerseits klare Strukturen und Regeln zu etablieren, das heißt auch deutlich zu machen, dass bestimmte Verhaltensweisen in keinem Fall toleriert werden, und anderseits zu vermitteln, dass wir den Menschen mögen und schätzen. Der Fokus der Aufmerksamkeit muss weg vom Negativen hin zum Positiven gelenkt werden.

Bisher haben diese Jugendlichen meist erfahren, dass man sich ihnen zuwendet, wenn sie sich gewalttätig oder zumindest regelwidrig verhalten. Auch wenn sich die Reaktionen auf Gegengewalt, Strafen und Beleidigungen beschränken – immerhin werden die Jungen wahrgenommen.

Irgendwann geht es ihnen nur noch um den Kampf, nicht mehr darum, realen Menschen zu begegnen. Schwach und bedürftig zu sein erlauben sie sich nicht mehr – und daher erleben sie nicht, dass sie jemand annehmen könnte, wie sie sind. Sie gaukeln sich vor, mit Gewalt die Kontrolle behalten zu können und sich ein Mindestmaß an Selbstsicherheit zu erhalten. Ihre Sehnsucht nach Wertschätzung erfüllt sich jedoch immer seltener, da sie nur noch gefürchtet und gehasst werden. Hinter ihrem Omnipotenzgebaren liegt ein extrem niedriges Selbstwertgefühl. Das Gegenüber wird immer wieder aufgefordert zu bestätigen, dass dieser Junge nichts wert ist.

Es sind deshalb vor allem die machtorientierten Jugendlichen, bei denen die Jugendhilfe an ihre Grenzen stößt. Sie "machen Karriere" im Heim und im Gefängnis. Es bleibt nichts anderes übrig, als trotzdem weiterzumachen - als Einzelne und von Seiten der Politik Autorität zu schaffen, die nicht autoritär und rigide ist und dennoch Halt und Orientierung gibt.

Bisher gibt es für Jürgen kein Happy End. Er ist weiter abgehauen und wird deshalb wieder in einer geschlossenen therapeutischen Einrichtung betreut. Doch er spricht noch von "seiner Gruppe" und hält den Kontakt zu den Freunden und zu einzelnen Betreuern. Immerhin will er seinen Schulabschluss machen und im Anschluss - vermutlich im Rahmen eines Förderlehrgangs - eine Berufsausbildung beginnen. Darüber hinaus trifft Jürgen seine Mutter wieder, um das Geschehene auch mit ihr gemeinsam aufzuarbeiten.

*Name wurde geändert.

Die Autorin ist Pädagogin und Therapeutin, sie arbeitete lange in der stationären Jugendhilfe, in der Eltern-, Familien- und Teamberatung.