Er hat viele Schulwechsel hinter sich - zum einen, weil seine Mutter ein bewegtes Leben geführt hatte, zum anderen weil er sich aggressiv verhalten hat und rausgeflogen ist. Er hat auch seine Lehrer angegriffen. Sein Motto lautet: Erst mal bis zum Äußersten provozieren, dann sieht man, mit wem man es zu tun hat. Er lässt sich weder aufs Lernen noch auf andere Menschen ein.

Es fällt ihm zunächst schwer, sich einzugewöhnen – es ihm wichtig, vor allem den älteren Jungen zu demonstrieren, dass er cool ist und sich nichts gefallen lässt. Es gelingt ihm jedoch weitgehend, die vorgegebenen Regeln und Strukturen einzuhalten. Im Gespräch mit den Erziehern und in der Einzeltherapie schafft er es allmählich, sein Bedürfnis nach Wärme und Zuwendung zu zeigen. Doch er bewegt sich ständig in dem Spannungsfeld zwischen den beiden Polen - sich öffnen und dann wieder verschließen. Er beginnt, über seine Mutter zu sprechen, die er trotz allem liebt, und darüber, wie schwer es ihm fällt, das mit dem Geschehenen in Einklang zu bringen. Zum ersten Mal fängt er an, darüber nachzudenken, wie er Beziehungen zu anderen Menschen gestaltet.

In der Gruppe findet er Jungen, denen er sich anschließt, und ist bereit, für sie "durch’s Feuer zu gehen". Umgekehrt hat er das Gefühl, ebenfalls Freunde gefunden zu haben. Freunde, mit denen er reden kann, denen er Geheimnisse anvertraut und die ihn nicht verraten.

Wenn sich in einer Wohnung ausschließlich "auffällige" Jungen zusammenfinden, spielt die Rangfolge eine entscheidende Rolle. Als Jürgen 14 ist, verlässt der informelle "Chef" die Gruppe. Jürgen legt es auf einen Machtkampf um die vakant gewordene Position mit einem um einige Jahre älteren Jugendlichen an. Während einer Abendveranstaltung gehen sie aufeinander los und schlagen aufeinander ein. Sie sind so ineinander verkeilt, dass sie gar nicht bemerken, dass die Erzieherin dazwischen geht und dass sie sie mehrmals treffen. Im Nachhinein sind beide sehr berührt und beteuern, dass es nie in ihrer Absicht gestanden habe, die Erzieherin zu schlagen.

Jürgens Ambitionen und seine Betroffenheit zeigen, dass ihm die Gruppe etwas bedeutet. Doch so sehr er seine Offenheit genießt, so wenig kann er sie aushalten. Er läuft weg – immer wieder.

Nachdem Jürgen wieder einmal einen Tag unterwegs war, überlegen wir gemeinsam mit den anderen Jugendlichen, was Jürgen helfen könnte. Sie machen sich Sorgen um ihn. Wie fühlt sich Jürgen wohl gerade? Welche Bedürfnisse stecken hinter dem Verhalten? Wir reden über Jürgen, und damit redet jeder Einzelne über sich selbst. Jeder kennt die Sehnsucht, wahrgenommen und angenommen zu werden. Eine Sehnsucht, die oft gerade dann besonders groß ist, je stärker die Abwehr gezeigt wird.

Wir sprechen uns ab, und jeder seiner Freunde teilt ihm mit: "Mir ist es wichtig, dass du in der Gruppe bleibst und ich werde dir helfen!" – allen ist es ernst damit.