Die Kunst, mit derart belasteten Jugendlichen zu arbeiten, besteht darin, beides voneinander zu trennen: einerseits klare Strukturen und Regeln zu etablieren, das heißt auch deutlich zu machen, dass bestimmte Verhaltensweisen in keinem Fall toleriert werden, und anderseits zu vermitteln, dass wir den Menschen mögen und schätzen. Der Fokus der Aufmerksamkeit muss weg vom Negativen hin zum Positiven gelenkt werden.

Bisher haben diese Jugendlichen meist erfahren, dass man sich ihnen zuwendet, wenn sie sich gewalttätig oder zumindest regelwidrig verhalten. Auch wenn sich die Reaktionen auf Gegengewalt, Strafen und Beleidigungen beschränken – immerhin werden die Jungen wahrgenommen.

Irgendwann geht es ihnen nur noch um den Kampf, nicht mehr darum, realen Menschen zu begegnen. Schwach und bedürftig zu sein erlauben sie sich nicht mehr – und daher erleben sie nicht, dass sie jemand annehmen könnte, wie sie sind. Sie gaukeln sich vor, mit Gewalt die Kontrolle behalten zu können und sich ein Mindestmaß an Selbstsicherheit zu erhalten. Ihre Sehnsucht nach Wertschätzung erfüllt sich jedoch immer seltener, da sie nur noch gefürchtet und gehasst werden. Hinter ihrem Omnipotenzgebaren liegt ein extrem niedriges Selbstwertgefühl. Das Gegenüber wird immer wieder aufgefordert zu bestätigen, dass dieser Junge nichts wert ist.

Es sind deshalb vor allem die machtorientierten Jugendlichen, bei denen die Jugendhilfe an ihre Grenzen stößt. Sie "machen Karriere" im Heim und im Gefängnis. Es bleibt nichts anderes übrig, als trotzdem weiterzumachen - als Einzelne und von Seiten der Politik Autorität zu schaffen, die nicht autoritär und rigide ist und dennoch Halt und Orientierung gibt.

Bisher gibt es für Jürgen kein Happy End. Er ist weiter abgehauen und wird deshalb wieder in einer geschlossenen therapeutischen Einrichtung betreut. Doch er spricht noch von "seiner Gruppe" und hält den Kontakt zu den Freunden und zu einzelnen Betreuern. Immerhin will er seinen Schulabschluss machen und im Anschluss - vermutlich im Rahmen eines Förderlehrgangs - eine Berufsausbildung beginnen. Darüber hinaus trifft Jürgen seine Mutter wieder, um das Geschehene auch mit ihr gemeinsam aufzuarbeiten.

*Name wurde geändert.

Die Autorin ist Pädagogin und Therapeutin, sie arbeitete lange in der stationären Jugendhilfe, in der Eltern-, Familien- und Teamberatung.