Es gab Zeiten, da wusste Tanja Kiesler*, was sie wollte. Es war eine Frage des Willens. Der Intelligenz. Als sie das Abitur mit Auszeichnung bestand, ihr Studium in Rekordzeit absolvierte und in England studierte, hatte sie immer ein Ziel vor Augen: Erfolg im Beruf, das erste Kind vor Dreißig, eine kleine Familie.

"Ich hatte das Zeug zu einer richtig guten Karriere." Sie sitzt am Cafétisch und trinkt eine Rhabarberschorle. Ihr Haar trägt sie zu einem Zopf. Paul, ihr Sohn ist bei der Schwiegermutter. Sie und ihr Mann haben gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert. Sie sorgt sich, ob sie einen Krippenplatz für ihn bekommt. "Die Tagesmütter waren alle unwahrscheinlich teuer, das können wir uns gar nicht leisten."

Sie würde gerne arbeiten, aber sie streitet mit ihrem Chef um Arbeitszeiten und Fortbildungskosten. Seit das Kind geboren ist, ist in der Firma plötzlich kein Platz mehr für sie. Sie sei jetzt keine Investition mehr, die sich für die Firma lohnt, stellt sie fest. Ihre Träume sind vorbei. "Frauen mit Kind sind doch nur Berufstätige zweiter Klasse."

Doch der Druck auf Frauen nimmt zu. Während Sprachexperten die "Herdprämie" zum Unwort des Jahres erklären, hat der Gesetzgeber Fakten geschaffen. Das reformierte Unterhaltsrecht stellt Berufstätigkeit und Kinderbetreuung nicht mehr zur Diskussion, sondern erhebt sie zur Notwendigkeit. Von geschiedenen Ehegatten erwartet das Gesetz das, was es bisher nur von Müttern nicht ehelicher Kinder verlangte: Sobald das Kind drei Jahre alt und kindergartenreif ist, sind sie zur Erwerbstätigkeit verpflichtet, müssen also zumindest Teilzeit arbeiten gehen.

Es sei "das Wohl des Kindes", das den "Kernpunkt" der Reform bildet, erklärt Justizministerin Zypries. Die Familienrechtsanwältin Nicole Gebhardt aus München sieht die Gattinnen unter Zugzwang. "Frauen müssen sich mehr denn je darüber Gedanken machen, wie sie im Beruf bleiben können." Um vorzusorgen, verlangt die neue Rechtslage noch stärker als früher, während der Ehe unabhängig zu bleiben und sich finanziell abzusichern. Dazu gehört der Beruf, dafür braucht es Krippen-, Kita- und Kindergartenplätze.

Das neue Recht trifft vor allem Frauen, die junge Kinder haben. Der Grund: Es gibt keine Übergangsfristen. Junge Paare haben oft ihr Leben im Vertrauen auf Absicherung geplant und keine Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Frauen, die sehr lange verheiratet sind, genießen allerdings einen etwas größeren Schutz . Staatsanwältin Britta Mertens* ließ als die Kinder klein waren ihrem Mann bei der Karriere den Vortritt. Er verdient inzwischen als Partner in einer Großkanzlei das Dreifache ihres Gehalts. Sollten sie sich scheiden lassen, hätte Mertens wahrscheinlich keinen Anspruch auf Aufstockung ihres Unterhalts. Sie müsste beweisen, dass ihre nachteilige Situation auf der Kindererziehung beruht. Aber wie sollte sie diesen Beweis vor Gericht führen? Aus Angst will sie nun einen Ehevertrag.

Die Scheidung gehört neben Arbeitsplatzverlust und Krankheit zu den größten Armutsrisiken des Lebens. "Einmal Zahnarztfrau, immer Zahnarztfrau", ist ein vergammelter Spruch, der schon lange nicht mehr gilt. Für Frauen ist die Wahlfreiheit zwischen Herd und Beruf eine Farce. Sie können es sich in Zukunft nur noch selten leisten, aus dem Berufsleben auszusteigen. Denn, wenn die Ehe geschieden wird, holt sie die Realität ein.