Darf man sich als etablierter Politiker wie Roland Koch an die schweigende Mehrheit im Volk richten und wider den Rat aller Experten schärfere Strafen für jugendliche Gewalttäter fordern? Darf man wie sein nordrhein-westfälischer CDU-Kollege Jürgen Rüttgers oder SPD-Fraktionschef Peter Struck gegen den finnischen Konzern Nokia Stimmung machen, obwohl jeder weiß, dass die angekündigte Schließung des Handywerks in Bochum damit nicht zu verhindern ist?

Die Medienkommentatoren sind sich in solchen Fällen schnell einig: Populismus ist ein Übel schlechthin. Aufgeklärte Demoraten seien, so der generelle Tenor, einer aufgeklärten Politik verpflichtet.

Das mag aus bildungsbürgerlicher Perspektive richtig, gewiss auch löblich sein. Mit der wirklichen Geschichte von Politik, Parteien und sozialen Bewegungen hat ein solcher ehrenhafter Rationalismus allerdings wenig zu tun.

Zu Beginn ihrer Entwicklung waren nämlich alle heute durch und durch staatstragenden Parteien hemmungslos populistisch, bildeten einen Tummelplatz für Volksredner, Demagogen und Sektierer aller Art. Der frühe Liberalismus des 19. Jahrhunderts war in seiner Verschmelzung mit der aggressiv antifranzösischen Nationalbewegung originär populistisch. Das katholische Milieu operierte unter Bismarck und Kaiser Wilhelm mit dem "Appell au peupel" gegen das protestantisch-liberal-konservative Establishment. Die Konservativen standen zum Ende des 19. Jahrhunderts im festen Bündnis mit den populistischen Antisemiten. Die Klassenkampfrhetorik und die simple sozialistische Erlösungsutopie von Lassalle bis Bebel war ebenfalls durch und durch populistisch.

Auch die anfänglich basisdemokratische, antiparlamentarische Erweckungsagitation der Grünen stand 100 Jahre später in dieser Tradition. In allen diesen Fällen speiste sich der Populismus aus rückwärts gewandten Motiven, aus der Furcht vor jähen gesellschaftliche Modernisierungsschüben, welche die Position ganzer Gesellschaftsgruppen infrage stellten. Im Laufe einer langen parlamentarischen Selbsterziehung und Disziplinierung blieb indes in der Regel nicht viel davon übrig.