Das scheint den Stammzellgegnern aber offenbar entgangenen zu sein. Stattdessen behaupten sie im genannten Papier, "die Förderungswürdigkeit" adulter Stammzellen sei"unumstritten", und mehr noch: "Pionierleistungen" gingen "etwa in der Herztherapie" von Deutschland aus. Stimmt das? Drei große Studien gab es in Deutschland bisher zur Behandlung von Infarktpatienten mit adulten Stammzellen. Die jüngste kam zu dem vernichtenden Ergebnis, dass das Verfahren zum Ersatz abgestorbenen Herzmuskelgewebes keine dauerhaften Erfolge erzielt. In nur einer Studie gab es positive Resultate in den harten Endpunkten - also Überlebenszeit und Reinfarkt - , die aber nicht von purem Zufall abzugrenzen waren. Die Studien sind auch nach Angaben des Stammzellforschers Hans Schöler "international umstritten". Die Zweifel an der Wirksamkeit solcher Behandlungen stehe "im Einklang mit vielen Mausstudien", die ein besonderes Potenzial von adulten Stammzellen nie hätten beweisen können. Auch Anthony Ho, ein anerkannter Spezialist für Knochenmarkstransplantationen und adulte Stammzellen an der Universität Heidelberg, sieht hier derzeit keine großen Perspektiven. Die Erfolge auf dem Gebiet der Forschung mit humanen adulten Stammzellen der letzten 5 Jahren seien "bescheiden". Falls es beim derzeit gültigen Stammzellgesetz bliebe, fürchtet Ho auch um "den internationalen Einfluss" der deutschen Forschung an adulten Stammzellen. Er glaubt, dass es "viel wichtiger ist, die Steuerungsmechanismen von Stammzelleigenschaften zu verstehen als den Prozess der Dedifferenzierung oder Reprogrammierung von adulten Stammzellen zu beschreiben."

Da hilft auch nicht, dass die Gegner eines liberalen Stammzellgesetzes sich gleich noch auf eine zweite vermeintliche Alternative stürzen: Reprogrammierte Hautzellen, die sich wie embryonale Stammzellen verhalten. Klingt toll und ethisch sauber, doch die Zellen lassen sich ohne Erkenntnisse aus der Forschung an echten embryonalen Stammzellen ebenfalls nicht in der Medizin etablieren. Neue, vitale embryonale Stammzellen aus überzähligen Embryonen bleiben der Goldstandard, zumal sie in der internationalen Forschung frei genutzt werden können. Stammzellforschung wiederum sei aber Teamarbeit, sagt Anthony Ho, und zwar "fach-, grenzen- und kontinentübergreifend". Die Zusammenarbeit mit hochrangigen Arbeitsgruppen im In- und Ausland sei "für einen nachhaltigen Fortschritt unerlässlich." Wer diesen Fortschritt will, muss sich auch eindeutig für die Forschung an embryonalen Stammzellen aussprechen.

Dennoch: Es wäre trotz all dieser Tatsachen mehr als legitim, den Schutz des Embryos über den möglichen Nutzen einer Forschung zu stellen, die Embryonen verbraucht. Embryonen zwar, die mit bloßem Auge kaum sichtbar wären, und die nichts mit niedlichen Babys gemein haben, über denen das Schlachterbeil gieriger Wissenschaftler schwänge. Aber auch der Zellhaufen soll, wenn es der Auffassung unserer Gesellschaft entspricht, geschützt werden. Wir leben schließlich in einer Demokratie, die nicht der Wissenschaft, sondern dem Willen des Volkes verhaftet ist. Was aber kann das Volk wollen, wenn die Politik als sein Vertreter sich nicht um sachliche Aufklärung bemüht - und gar falsche Gründe dafür ins Feld führt, sich dem wissenschaftlichen Fortschritt zu verschließen? Es fehlt hier schlicht an Ehrlichkeit. Ehrlichkeit hieße, sich zwischen ethisch-religiöser Überzeugung und den therapeutischen Errungenschaften einer liberalisierten Stammzellforschung zu entscheiden. Ehrlichkeit hieße, Ja oder Nein zu sagen. Das bisherige Jein, das als Ja verkauft wird, in seiner Wirkung aber eher einem Nein entspricht, bringt jedenfalls weder die Forschung, noch die Ethik einen Millimeter voran.