Ultraschall macht das Verborgene sichtbar durch reflektierende Wellen. Schemenhaft schimmert das kaum Fassbare auf, dem man nachspüren, nachhören möchte. Wie der Musik Scelsis, der Schönheit der Mikrointervalle.

Ultraschall heißt auch das Festival , das Deutschlandradio Kultur und das Kulturradio des RBB zum zehnten Mal in Berlin veranstalten. In diesem Jahr ist es den Komponisten Giacinto Scelsi und Karlheinz Stockhausen gewidmet. Sie hatten wenig gemein, sind vielmehr die beiden Pole, zwischen denen sich das zehntätige Programm abspielt: Da ist viel Raum, um den Formenreichtum moderner und aktueller Musik zu entdecken.

Der Italiener Giacinto Scelsi starb vor 20 Jahren. Erst seit 2005 ist es möglich, seinen Nachlass zu sichten. So war das erste Festivalwochenende als Bestandsaufnahme und Retrospektive angelegt. Geladen waren viele Musiker, die Scelsi persönlich gekannt hatten. Unter ihnen Irvine Arditti, der Gründer des Arditti Quartetts . Er und seine drei Experten für Neue Musik spielten Scelsis Streichquartett Nr. 3 aus dem Jahr 1963. Außerdem hatte das Kuratorium drei zeitgenössische Komponisten beauftragt, sich mit Scelsis Musik auseinanderzusetzen.

Er wurde 1905 geboren und erlebte den Aufstieg des italienischen Faschismus, wie auch sämtliche politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Giacinto Sallustio gilt als sein erster Kompositionslehrer, der hatte 1935 die Hymne an Benito Mussolini komponiert. Über den Bezug von Scelsis Kompositionen zu ihrer Zeit ist wenig bekannt. Auch Irvine Arditti kann dazu nichts sagen. Zwar habe er oft mit Scelsi gesprochen, aber es sei meist ganz pragmatisch um die Umsetzung seiner Musik gegangen. Er sei ein introvertierter Mensch gewesen.

Der Bassist Stefano Scodanibbio berichtet, Scelsi habe ihn 1980 zum ersten Mal eingeladen, in seine Wohnung in Rom, in der Via San Teodoro Nummer 8. Ab fünf Uhr nachmittags durfte man ihn besuchen, nie vorher. Einmal habe er gefragt, was Scelsi denn bis fünf Uhr mache. Der habe geantwortet: "Ich lebe wie ein Kürbis. Ich versuche, nicht zu denken." Kurz vor seinem Tod hatte er ihm die Komposition Mantram für Solo-Kontrabass gegeben, Scodanibbio spielte sie am vergangenen Wochenende im Radialsystem.

Mantram lebt durch Obertonschwingungen und erinnert an die Gesänge tibetischer Mönche. Die vibrierenden Töne entfalten eine dreidimensionale Wirkung, die noch nach ihrem Verklingen körperlich spürbar ist. Giacinto Scelsi hatte die Vorstellung vom "Klang als Kugel". Eines seiner Hauptwerke, die Quattro Pezzi Su Una Nota Sola von 1959, ist ein Orchesterstück, gespielt auf einer einzigen Note. Diese Note changiert um Mikrointervalle , so werden verschiedene Töne hörbar. Die extreme Reduktion des Materials schärft die sinnliche Wahrnehmung von Publikum und Interpreten: ein poetisches, sehr behutsames Ertasten des Klangraums.