Im Februar 2006 trat man sich im Hof des Berliner Kunstvereins Acud gegenseitig auf die Füße. Sechzigster Geburtstag des toten Dichters, Regisseurs und Schriftstellers Thomas Brasch. Man gedachte und feierte. Schauspieler, Künstler und Intellektuelle, unter ihnen viele Frauen. Die meisten waren Gefährten, Kollegen, Geliebte.

Fällt außerhalb dieses Kreises der Name Brasch, blickt man in leere Gesichter. Die Jüngeren kennen ihn selten und selbst ehrwürdig ergraute Revolutionäre von damals entsinnen sich mit Mühe an den scharfsinnigen, gut aussehenden Individualanarchisten, der exzessiv in seiner Stadt Berlin lebte.

Prägnanz, Reflektiertheit, auch Brisanz verbergen sich in Braschs Texten hinter spielerischer, täuschender Leichtigkeit. In den Siebzigern und Achtzigern war Brasch ein Star. Er war radikal, tanzte mit der Feder in der Hand auf dem Drahtseil, ein Leben lang. "Das andere Wort hinter dem Wort. / Der andere Tod hinter dem Mord. / Das Unvereinbare in ein Gedicht / Die Ordnung. Und der Riß, der sie zerbricht."

Brasch war der Sohn des zeitweise stellvertretenden Kulturministers der DDR. Das half ihm nicht, als er 1968 wegen "staatsfeindlicher Hetze" verhaftet und für die Verteilung von Flugblättern gegen den Einmarsch in Prag verurteilt wurde. Von seinen Texten durften in der DDR nur einige seiner Gedichte als Poesiealbum 89 (1975) erscheinen. Damals war das Heftchen dank staatlicher Literaturförderung für 90 Pfennige zu haben. Antiquariate verkaufen es inzwischen für rund 50 Euro.

Dissident wollte Brasch trotz allem später im Westen noch lange nicht sein. Im Sog der Ausbürgerung Wolf Biermanns trennte er sich von seiner "kleinen ddr": Mit dem fertigen Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne im Gepäck ging er von Ost- nach West-Berlin. "Ich stehe für niemand anders als für mich", sagte er 1977 dem Spiegel . Und bewies es, als er 1982 zwar den Bayerischen Filmpreis aus den Händen von Franz Josef Strauß entgegen nahm, seine anschließende Rede aber mit einem Dank an die DDR verband. Die Hotelrechnung sollte er dann selbst bezahlen. Unbestechliches Genie oder kühl rechnender Pragmatiker – beides passte.

Mit seinem zweiten Buch Kargo. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen wechselte Brasch vom kleinen Rotbuch Verlag, der einiges für ihn riskiert hatte, zu Suhrkamp. Kargo zeigt die Begabung Braschs, seine rastlose Suche nach neuen Formen: Gedichte bilden mit Prosa, Szenen und Dialogen eine dichte Komposition.